Ein drastischer Satz sorgt für Aufsehen: "Wir führen uns geradewegs in eine Diktatur der Idioten", warnt Neurowissenschaftler Michel Desmurget. Der Forscher sieht eine gefährliche Mischung aus sinkendem Bildungsniveau, steigender Bildschirmzeit und immer leistungsfähigerer Künstlicher Intelligenz.
Desmurget bezog sich im Interview mit "Figaro" auf eine Untersuchung der Universität Stanford. Diese habe gezeigt, dass Schüler und Studenten teils große Schwierigkeiten hätten, Informationen aus der digitalen Welt richtig einzuordnen. Als Gründe werden mangelnde sprachliche Fähigkeiten und zu wenig Allgemeinwissen genannt.
„In Wirklichkeit werden wir im Umgang mit diesen Tools umso intelligenter sein müssen, je leistungsfähiger diese werden.“Michel DesmurgetNeurowissenschaftler, über KI
Das Problem aus Sicht des Forschers: Wer Inhalte nicht ausreichend versteht, kann auch Fehler schwerer erkennen – etwa dann, wenn eine KI falsche oder verzerrte Antworten liefert. "Wir vergessen allzu oft, dass diese Tools sich auch irren können und ideologisch nicht neutral sind". Gerade dadurch könnten Menschen anfälliger für Desinformation und Propaganda werden.
Wenn die Menschen nicht die Kontrolle über ihr eigenes Leben an die KI abgeben wollen, müssen sie auch weiterhin in der Lage sein, deren Antworten und Ergebnisse zu verstehen und zu bewerten. Die Sache hat aber einen großen Haken.
„Es ist ein wahrer Teufelskreis: Je effizienter diese Intelligenzen werden, desto größer ist die Versuchung, sich nur noch auf sie zu stützen und ihnen das Denken zu überlassen.“Michel DesmurgetNeurowissenschaftler, über KI
Forscher der Stanford-Universität hatten analysiert, wie Schüler und Studenten von der Oberschule bis zur Universität, Informationen begreifen, die sie über die digitale Welt aufnehmen. "Die Ergebnisse haben die ganze Welt überrascht: Sie waren nämlich ziemlich düster." Die jungen Menschen hatten enorme Schwierigkeiten, diese Informationen zu begreifen, weil sie weder über die notwendigen sprachlichen Fähigkeiten noch das nötige Allgemeinwissen verfügen.
Die Autoren sprachen in diesem Zusammenhang von einer "wirkliche Gefahr für die Demokratie", weil diese Zerbreche, wenn Bürger nicht mehr zu Debatten fähig sind. Desmurgets Warnung geht noch weiter: "Wir führen uns geradewegs in eine Diktatur der Idioten, die von Desinformation und Propaganda gesteuert wird. Wenn wir auf unsere Intelligenz verzichten, geben wir auch unsere Menschlichkeit auf."
Auch wirtschaftlich drohe ein Desaster: "Ich habe keine Ahnung, ob den Menschen das ganze Ausmaß der Katastrophe überhaupt bewusst ist. In China zeigen 55 Prozent der Schüler hervorragende Leistungen in Mathematik – in Frankreich sind es gerade mal fünf Prozent."
Mittelfristig, so schätzt er, dürften der französischen Wirtschaft rund drei Prozentpunkte des BIP wegbrechen – mehr als die Gesamtsumme der Einnahmen durch die Körperschaftssteuer.
„Die Lage ist katastrophal. Der Lösungsweg – so denn überhaupt einer existiert – muss wirklich schnell und radikal sein.“Michel DesmurgetNeurowissenschaftler, über den Stand der Bildung
Ganz ohne Ausweg sieht der Neuroforscher die Lage aber nicht. Er fordert rasche und deutliche Maßnahmen: weniger Bildschirmzeit, ein stärkeres Bildungssystem und besser qualifizierte Lehrer. Deren Einfluss sei laut Desmurget weiterhin größer als jener digitaler Tools.
"Man kann die Schüler nicht gleichzeitig mit allen möglichen Tablets oder anderen digitalen Tools überschütten und dann plötzlich kritisieren, wie diese Schüler die Geräte nutzen, die man ihnen so großzügig zur Verfügung gestellt hat."
Großen Optimismus lässt er nicht erkennen – im Gegenteil: "Die Lage ist katastrophal, und wenn ich wetten müsste, so würde ich keinen Pfennig auf unsere Chancen einer Verbesserung setzen. Die Negativentwicklung ist derart gravierend, dass der Lösungsweg – so denn überhaupt einer existiert – wirklich schnell und radikal sein muss."