In der Nord- und Ostsee liegt ein Erbe des Krieges, das bis heute nicht verschwunden ist. Es rostet, zerfällt – und kann nach Einschätzung der Umwelthistorikerin Verena Winiwarter noch Generationen beschäftigen.
Die Historikerin und Chemikerin, lange Jahre Professorin unter anderem an der Universität für Bodenkultur in Wien und an der Akademie der Wissenschaften tätig, wurde vor kurzem 65 Jahre alt. Im Gespräch mit ORF-Journalistin Astrid Plank schildert sie, wie Kriege nicht nur Städte, Menschen und Landschaften zerstören, sondern auch giftige Spuren in Böden und Meeren hinterlassen.
Besonders drastisch ist für Winiwarter der Blick auf die Relikte des Zweiten Weltkriegs. In Europa seien enorme Mengen Kriegsmaterial zurückgeblieben. Der gefährlichste Teil dieses Erbes liegt für sie im Meer.
"Wo wir die größten Relikte in ihrem Sinn des Zweiten Weltkriegs finden, ist in der Nord und Ostsee", erklärt Winiwarter. Sie wählt dafür ein Bild, das hängen bleibt: "Stellen Sie sich einen 1000 km langen Güterzug vor und jeder einzelne von diesen Güterwagons auf einem 1000 km langen Zug ist mit Munition beladen." Alleine in der Ostsee sollen rund 300.000 Tonnen alte Munition lagern.
Dieses Material sei zwar aus den Augen, aber immer noch ein Problem: "Das liegt in der Ost- und in der Nordsee bis heute", so Winiwarter. Die Munition bestehe aus Eisen, sie roste und zerfalle langsam. Wird eine Giftgasgranate undicht, könne Senfgas austreten.
Bei herkömmlichen Sprengmitteln gehe es um TNT, also Trinitrotoluol. Die Stoffe könnten in Sedimente, Muscheln und Kleintiere gelangen. Winiwarters Warnung ist deutlich: "Wir haben eine riesige Zeitbombe in der Nord- und in der Ostsee."
Warum dort so viel liegt, erklärt sie ebenfalls klar: "Das meiste wurde dort entsorgt. 'Entsorgen' ist so ein Begriff, der einem in diesem Zusammenhang eigentlich eher weh tut." Eine einfache Lösung sieht sie nicht. Zwar werden große Kriegsrelikte immer wieder geborgen, doch das meiste liege in fein verteilten Mengen am Meeresgrund. Diese wieder Heraufzuholen ist nach ihrer Einschätzung "technisch und ökonomisch unmöglich".
Doch nicht nur versenkte Munition ist ein Problem. Auch der Erste Weltkrieg hat Böden vergiftet. Winiwarter verweist auf Verdun, wo Giftgasgranaten mit Arsen entsorgt wurden. Am sogenannten "Place à gaz" seien die Arsenkonzentrationen im Boden tausendfach über noch erträglichen Grenzwerten. Pflanzen können dort nicht existieren: "Dort wird nie wieder irgendeine menschliche Besiedlung möglich sein. Das sind Sperrzonen."
Für Winiwarter zeigt sich daran ein größerer Zusammenhang. Krieg belastet Umwelt nicht erst durch Granaten, Minen und Giftstoffe auf Schlachtfeldern. Es sind nicht unbedingt diese Relikte, die besonders auffällig sind, auch die dafür nötige Rohstoffe-Ketten – Bergbau, Produktion und Verarbeitung – hinterlassen Spuren.
"Aluminium ist ein Kind des Krieges und wurde überhaupt erst für den Luftkrieg großtechnisch entwickelt", nennt die Forscherin ein Beispiel. Die Herstellung von Aluminium setze große Fluormengen frei: Ranshofen, die österreichische Aluminiumfabrik, sei bis heute zum Teil belastet. Und während des Betriebs mussten Arbeiter dieses giftige Gas einatmen.
"Wir haben einen wir haben einen Stoffstrom in eine Richtung gelenkt, der da der Zerstörung dient. Und diese Stoffströme hinterlassen in der Welt Spuren, nämlich Spuren dort, wo diese Stoffe herkommen, beim Bergbau, bei der Ausbeutung dieser Rohstoffe."
Die Bilanz ist bitter: Kriege enden nicht, wenn die Waffen schweigen. Im Boden, im Meer und in der Nahrungskette wirken ihre Spuren weiter.