Mehr als vier Millionen Euro Steuergeld für einen Kindergarten mit Verbindungen zum türkischen Moscheeverband ATIB: Der Kindergarten "Marienkäfer" in der Gudrunstraße 189 in Wien-Favoriten steht erneut im Mittelpunkt einer politischen Debatte.
Träger ist der Verein "Nokta – das Bildungs- und Forschungsinstitut", der seit Jahren Förderungen der Stadt Wien erhält. Wie aus einer aktuellen Beantwortung der MA 10 (Wiener Kindergärten) nach einer Anfrage von Caroline Hungerländer (ÖVP) hervorgeht, wurden von 2009 bis 1. Juni 2026 insgesamt 4.019.031,38 Euro an den Verein ausbezahlt. Zusätzlich erhielt "Nokta" in den Jahren 2009 und 2010 eine Anstoßfinanzierung von insgesamt 90.005 Euro.
Der Kindergarten befindet sich im vierten Stock eines Gebäudes, das dem türkisch-islamischen Verband ATIB gehört. Im selben Haus befindet sich auch die ATIB-Zentralmoschee. Vereinsobmann von "Nokta" ist Yasar Ersoy, der auch bei ATIB tätig ist. In den Vereinsstatuten bekennt sich "Nokta" zur türkischen staatlichen Religionsbehörde Diyanet in Ankara.
Die Stadt Wien fördert am Standort zwei Familiengruppen für derzeit 40 Kinder zwischen null und sechs Jahren. Die Wiener ÖVP kritisiert die jahrelange finanzielle Unterstützung und verweist auf die Verbindungen des Trägervereins zum ATIB-Umfeld. Bereits 2018 hatte die Partei einen Förderstopp verlangt.
"Über vier Millionen Euro Steuergeld sind hier offenbar mittlerweile geflossen. Wir warnen seit Jahren vor problematischen Strukturen und Verbindungen im Umfeld dieses Kindergartens. Umso unverständlicher ist es, dass SPÖ und Neos diese Förderung bis heute fortsetzen", kritisiert ÖVP-Klubobmann Harald Zierfuß.
Hintergrund der Kritik sind unter anderem Erkenntnisse der Dokumentationsstelle Politischer Islam. Diese beschäftigt sich seit Jahren mit dem Einfluss der türkischen Religionsbehörde Diyanet und ihrer Verbindungen zu islamischen Organisationen in Österreich.
Im Jahresbericht 2025 beschreibt die Dokumentationsstelle, wie Diyanet über internationale Moscheevereine, entsandte Imame und zentral vorgegebene Freitagspredigten Einfluss auf türkischstämmige Gemeinschaften in Europa nimmt. Die Behörde diene auch der Verbreitung politischer Botschaften und der Bindung der Diaspora an die Türkei.
Auch ATIB wird in den Berichten ausdrücklich genannt. Die Dokumentationsstelle bezeichnet den Verband im Jahresbericht 2023 als verlängerten Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Diese sei durch den Einfluss der türkischen Regierungspartei AKP zunehmend zu einem Instrument einer islamisch-konservativen Politik geworden.
Bereits 2018 sorgte ATIB österreichweit für Schlagzeilen. Anlass waren nationalistische Inszenierungen in einer Wiener ATIB-Moschee, bei denen Kinder in Tarnuniformen exerzierten, salutierten und türkische Fahnen schwenkten. Damals gerieten auch der Kindergarten "Marienkäfer" bzw. der Verein "Nokta" in den Fokus. Im Zuge der damaligen Überprüfungen wurde der Verfassungsschutz eingeschaltet.
Die Stadt Wien kontrolliert wiederum die Verwendung der Fördergelder. Laut MA 10 wurde das Geschäftsjahr 2018 durch ein externes Wirtschaftsprüfungsunternehmen geprüft. Auch die Jahresabrechnungen der Jahre 2020 bis 2026 wurden hinsichtlich der widmungsgemäßen Verwendung der Fördermittel kontrolliert.
"Im September 2026 fand eine Vor-Ort-Kontrolle statt. Im Zuge von dieser wurden verrechnungsrelevante Mängel festgestellt. In einzelnen Fällen fehlten Elternverträge sowie Änderungsmeldungen zur jeweiligen Betreuungsform. Dies hat eine Rückforderung zur Folge", erklärt eine Sprecherin der MA 10.
Wie hoch die Rückforderung ausfällt, will die MA 10 (noch) nicht bekanntgeben. Fix ist: Der Verein hat ab Rechnungserhalt zwei Wochen Zeit, das Geld zurückzuzahlen. Die Förderungen laufen inzwischen weiter.
Auch die MA 11 (Kinder- und Jugendhilfe) wurde aktiv. Bei der jüngsten Kontrolle am 6. Oktober 2026 wurden ebenfalls Mängel festgestellt. "Eine Pädagogin aus dem EU Raum wurde ohne Gleichstellungsbescheid angestellt. Die Sammelgruppen wurden bereits ab 13 Uhr angeboten und nicht nur zu den Randzeiten", heißt es seitens der MA 11. Die Mängel müssen nun innerhalb von zwei Wochen behoben werden.
Interessant ist auch, dass zwischen der MA 11 und der Dokumentationsstelle Politischer Islam kein Austausch stattfindet, wie die Behörde auf Anfrage bestätigt. "Im Rahmen der Betriebsbewilligung sowie bei Wechsel von Vereinsmitgliedern werden die verantwortlichen Organe überprüft. Von der MA 11 können dabei unter anderem Auskünfte nach dem Sicherheitspolizeigesetz sowie nach dem Polizeilichen Staatsschutzgesetz eingeholt werden", wird erklärt.