Parlament gegen Mieterschutz

Wohnungs-Wut in Spanien – Hunderttausende demonstrieren

Nach dem Aus für ein großes Wohnungspaket gingen am Samstag in ganz Spanien Zehntausende auf die Straße. Premier Pedro Sanchez gerät unter Druck.
Nick Wolfinger
04.10.2026, 10:54
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Hunderttausende Spanier haben am Samstag erneut gegen die Wohnungsnot im Land protestiert. Allein in Madrid zählte die Behörde rund 70.000 Teilnehmer, die Veranstalter sprachen sogar von bis zu 500.000 Menschen. Auch in rund 50 weiteren Städten fanden Kundgebungen statt.

Die Demonstranten forderten günstigere Wohnungen, einen besseren Schutz für Mieter und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Zwangsräumungen. Auf Plakaten und bei Sprechchören wurde auch ein Generalstreik verlangt.

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Zusammenstöße in Valencia

Während die Proteste in vielen Städten friedlich verliefen, kam es in Valencia zu Zusammenstößen mit der Polizei. Sicherheitskräfte setzten laut Berichten Gummigeschoße und Tränengas ein, um die Menge aufzulösen.

Rund 30 Demonstranten drangen vorübergehend in den bekannten Kulturkomplex "Stadt der Künste und Wissenschaften" ein. Polizisten brachten sie wieder hinaus. Eine geplante Demonstration in Barcelona wurde wegen einer Unwetterwarnung verschoben.

Rechtsextreme Gegendemo

Für zusätzlichen Zündstoff sorgte in Madrid eine Gegendemonstration von Rechtsextremen. Mitglieder einer Neonazi-Gruppe versuchten am Samstagabend, zum Protestcamp gegen Wohnungsnot auf der Puerta del Sol vorzudringen.

Bei einer faschistischen Gegendemonstration wurde der Hitlergruß gezeigt.
Reuters

Einige zeigten dabei den Hitlergruß. Die Polizei stoppte die Gruppe, setzte Gummigeschoße ein und nahm drei Personen fest. Auf dem Platz stellten sich ihnen Demonstranten entgegen, die sowohl gegen Faschismus als auch gegen die Wohnungsnot protestierten.

Parlament stoppte Wohnpaket

Die Proteste verschärfen den Druck auf die Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez. Erst am Freitag, 2. Oktober, waren im spanischen Parlament zwei Dekrete seiner Minderheitsregierung gescheitert.

Die Maßnahmen sollten unter anderem Mieter stärker schützen und Zwangsräumungen erschweren. Konservative, rechte Parteien und die katalanische Partei Junts stimmten dagegen.

Die Opposition argumentiert, strengere Eingriffe in den Wohnungsmarkt würden das Angebot weiter verknappen und die Preise womöglich noch stärker steigen lassen.

87-Jährige wurde zum Symbol

Auslöser der jüngsten Protestwelle war die Zwangsräumung der 87-jährigen Maricarmen Abascal in Madrid. Die Frau musste Ende September nach rund 70 Jahren ihre Wohnung verlassen.

Der Fall sorgte landesweit für Empörung. Unter dem Motto "Keine weitere Maricarmen" gingen daraufhin Zehntausende auf die Straße. In Madrid entstand auf der Puerta del Sol ein Protestcamp mit zahlreichen Zelten.

Die Wohnkosten sind in Spanien seit Jahren ein Reizthema. Die Mieten haben sich in Teilen des Landes innerhalb eines Jahrzehnts nahezu verdoppelt. Besonders in Madrid und Barcelona geben viele Bewohner einen großen Teil ihres Einkommens fürs Wohnen aus.

Sanchez prüft offenbar Neuwahlen

Für Sanchez wird die Lage damit immer schwieriger. Seine Regierung verfügt im Parlament über keine stabile Mehrheit und kann zentrale Vorhaben kaum noch durchbringen.

Spanische Medien berichteten am Wochenende, dass der Premier die Stimmung im Land genau beobachten wolle. Danach könnte er entscheiden, ob das Parlament vorzeitig aufgelöst wird.

Regulär würden die nächsten Parlamentswahlen erst im Sommer 2027 stattfinden. Nach dem Scheitern des Wohnpakets stehen nun aber auch vorgezogene Neuwahlen im Raum.

Ausgerechnet die Wohnungsfrage könnte damit nicht nur über Mieten und Räumungen entscheiden - sondern auch über die Zukunft der spanischen Regierung.

NW,04.10.2026, 10:54