Kurz vor dem Start der Sommerferien (am 22. Juni) hat die Bildungsdirektion Wien einen eindringlichen Brief an alle Schuldirektoren der Bundeshauptstadt verschickt. Darin werden die Pädagogen aufgefordert, vor allem in den letzten Tagen vor Ferienbeginn besonders aufmerksam zu sein. Grund: Jugendliche könnten während einer Reise ins Herkunftsland gegen ihren Willen verheiratet werden.
"Heute" liegt das brisante Schreiben vor. Die Bildungsdirektion ersucht darin die Direktoren ausdrücklich, die Information an Lehrkräfte sowie an das psychosoziale Unterstützungspersonal weiterzugeben. Die Zeit vor den Ferien sei eine wichtige Gelegenheit, "mit potenziell betroffenen Schülerinnen ins Gespräch zu kommen, über Unterstützungsangebote zu informieren und bei Bedarf an spezialisierte Beratungsstellen zu vermitteln."
Im Schreiben werden auch mögliche Warnsignale genannt. Dazu zählen eine starke familiäre Kontrolle, Angst vor Familienangehörigen, kurzfristige Reisepläne, sozialer Rückzug oder Hinweise auf eine bevorstehende Verlobung oder Eheschließung.
Außerdem verweist die Bildungsdirektion auf das Beratungsangebot des Vereins Orient Express. Betroffene Mädchen und Frauen können dort persönliche, telefonische oder Online-Beratung in Anspruch nehmen.
Die Bildungsdirektion bestätigt gegenüber "Heute", dass es sich "um eine jährliche Aussendung der Bildungsdirektion für Wien im Auftrag der Kinder- und Jugendanwaltschaft handelt. Im Rahmen eines präventiven Ansatzes sollen Pädagogen dadurch sensibilisiert werden."
Nicht alle Lehrer reagieren auf diesen Appell positiv. Ein Lehrer richtet der Bildungsdirektion aus: "Was sollen wir Lehrer denn noch alles machen? Diese Aufforderung entbehrt jeglicher Sachlichkeit und ist einfach nur lächerlich."
Wie groß das Problem tatsächlich ist, zeigt ein Forschungsbericht des Österreichischen Integrationsfonds (von 2023). Demnach werden in Österreich jährlich rund 200 Fälle von Zwangsheirat registriert.
Die Studie nennt drei besonders betroffene Gruppen: Mädchen und junge Frauen der zweiten und dritten Generation, die häufig ihre Ausbildung abbrechen müssen, um wirtschaftlich abhängig zu bleiben, Frauen, die zum Zweck einer Zwangsheirat nach Österreich gebracht werden und dadurch besonders isoliert sind, sowie Frauen in unterschiedlichen Stadien des Asylverfahrens und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.