Die schwarz-blaue Landesregierung in Niederösterreich setzt weiterhin auf Pflegepersonal aus Vietnam. Am Dienstag wurde die Verlängerung und Ausweitung der Kooperation mit der IMC Fachhochschule Krems beschlossen. Weitere 110 Studierende aus Vietnam sollen nach Niederösterreich kommen, um den Personalmangel in der Pflege zu bekämpfen. Doch die Entscheidung sorgt für politische Kritik.
SPÖ-Landesparteichef und Landesrat Sven Hergovich wirft der Landesregierung vor, die falschen Prioritäten zu setzen. Statt Millionen in die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte zu investieren, müssten zunächst die Arbeitsbedingungen für heimisches Personal verbessert werden.
Derzeit arbeiten laut Pflegelandesrätin Christiane Teschl-Hofmeister (ÖVP) 69 Pflegekräfte aus Vietnam in Niederösterreich. Das entspricht rund 1,7 Prozent des Pflegepersonals in den niederösterreichischen Pflege- und Betreuungszentren.
Die Kooperation, die 2023 gestartet wurde, soll die heimischen Beschäftigten entlasten. Das Land investiert jährlich 600.000 Euro in das Projekt.
"Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Pflege günstiger zu machen oder unseren heimischen Pflegekräften Arbeit wegzunehmen", betont Teschl-Hofmeister. Vielmehr sei die internationale Zusammenarbeit eine notwendige Ergänzung, um die Pflege langfristig sicherzustellen.
Die Pflegekräfte lernen bereits in Vietnam Deutsch und müssen dieselben fachlichen und sprachlichen Anforderungen erfüllen wie ihre österreichischen Kollegen. Bei gleicher Qualifikation erhalten sie auch die gleiche Bezahlung.
Deutliche Kritik kommt hingegen von SPÖ-Chef Sven Hergovich. Er fordert bessere Gehälter, verlässliche Dienstpläne und attraktivere Arbeitsbedingungen.
"Wir brauchen dringend mehr Pflegekräfte in Niederösterreich. Aber bevor wir Steuer-Millionen dafür ausgeben, Menschen vom anderen Ende der Welt anzuwerben, sollten wir endlich dafür sorgen, dass jene, die bereits in der Pflege arbeiten oder diesen Beruf ergreifen wollen, vernünftige Bedingungen vorfinden", so Hergovich.
Er verweist auf eine Befragung der Arbeiterkammer Niederösterreich aus dem Jahr 2023. Demnach glauben 41 Prozent der befragten Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegebereich nicht, ihren Beruf bis zur Pension ausüben zu können. Jede vierte befragte Person denke mindestens einmal pro Woche über einen Berufswechsel nach.
Hergovich befürchtet außerdem, dass die mit niederösterreichischem Steuergeld ausgebildeten Pflegekräfte später in andere Bundesländer wechseln könnten, wo bessere Gehälter und Arbeitsbedingungen geboten würden.
Für zusätzliche politische Brisanz sorgt das Abstimmungsverhalten der Freiheitlichen. Laut Hergovich hatte die FPÖ das Vietnam-Projekt bei der ursprünglichen Beschlussfassung noch gemeinsam mit der SPÖ abgelehnt. Nun trägt sie die Ausweitung als Regierungspartner der ÖVP mit.
"Die FPÖ hat dieses Projekt ursprünglich abgelehnt und stimmt jetzt seiner Ausweitung zu. Offenbar werden – kaum in Regierungsposition – alle Grundsätze über Bord geworfen", kritisiert Hergovich.
Bei der Landesgesundheitsagentur sieht man die Kooperation hingegen positiv. Vorstand Elisabeth Bräutigam betont, dass die neuen Mitarbeiter langfristig in Niederösterreich gehalten werden sollen. Kleinere Ausbildungsgruppen sollen eine bessere Betreuung ermöglichen.
Eine besondere Herausforderung sei laut IMC-Professor Markus Golla die Sprache. Die Studierenden würden in Vietnam Hochdeutsch lernen, in Niederösterreich aber häufig mit Dialekt und zusätzlicher Pflege-Fachsprache konfrontiert.
Die nächste Gruppe soll ihre Schulausbildung im Februar 2027 abschließen.