Kinder müssen auf Matratzen in Besprechungsräumen schlafen, haben keinen eigenen Schreibtisch für ihre Hausaufgaben und fühlen sich in ihrer Unterkunft nicht sicher. Der neue Jahresbericht 2025 der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft (Kija) zeichnet ein alarmierendes Bild der Situation in Wiens Krisenzentren.
Die Kinder- und Jugendanwaltschaft unter der Leitung von Sebastian Öhner bearbeitete im Vorjahr insgesamt 1.328 Fälle. Besonders häufig ging es um Bildung (276 Themennennungen), Rechtsfragen (260), Kinder- und Jugendhilfe (253), Gewalt (208) und Obsorge (195). Insgesamt führte die Kija 81 Monitorings durch, darunter 78 Besuche in Wohngemeinschaften und Krisenzentren.
Besonders dramatisch ist die Situation in den Krisenzentren der Stadt Wien – "Heute" berichtete. Dort sollen Kinder, die etwa aufgrund von Gewalt, Vernachlässigung oder familiären Krisen nicht zu Hause leben können, Schutz und Stabilität finden. Doch die Einrichtungen sind seit Jahren überlastet.
Bei den Besuchen in Wohngemeinschaften und Krisenzentren im Jahr 2025 stellten die Mitarbeiter der Kija zahlreiche Missstände fest. In manchen Krisenzentren lebten bis zu 15 Kinder, obwohl nur acht Plätze vorgesehen waren.
Die Folgen: Kinder mussten auf Matratzen in Besprechungsräumen übernachten, hatten kaum Rückzugsmöglichkeiten und teilweise nicht einmal einen eigenen Platz zum Lernen. Viele Kinder berichteten, dass sie sich nicht sicher fühlten und nicht verstanden, warum sie monatelang in den Krisenzentren bleiben mussten.
Ein besonders drastischer Fall ist jener eines 12-Jährigen, der im Bericht Luca genannt wird. Der Bub musste seine Wohngemeinschaft wegen Fremdgefährdung verlassen. Gemeinsam mit Freunden hatte er zahlreiche Raubüberfälle begangen und fremde Autos in Betrieb genommen. Zuletzt war er sogar in einen Autounfall verwickelt.
Luca wurde daraufhin zehn Tage lang in einem Krisenzentrum angehalten, bis eine weitere Betreuung außerhalb Wiens organisiert werden konnte. Für Kinder mit derart hohem Unterstützungsbedarf fehlen laut Kija geeignete Spezialplätze mit kleinen Gruppen und intensiver Betreuung. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft fordert deshalb einen Ausbau entsprechender Angebote.
Besonders kritisch wurde die Situation in den Krisenzentren im Dezember 2025. Nachdem die Zentren monatelang überbelegt waren und eine Einrichtung wegen Personalmangels sogar schließen musste, wurde kurz vor Weihnachten ein Aufnahmestopp verhängt. Neue Kinder durften erst aufgenommen werden, wenn andere die Einrichtung verlassen hatten. In Notfällen erfolgte die Unterbringung in einer anderen sozialpädagogischen Einrichtung.
Um die Sicherheit in den überfüllten Krisenzentren zu gewährleisten, wurden verstärkt Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten eingesetzt. Diese verfügten laut Kija jedoch häufig weder über eine pädagogische Ausbildung noch über Erfahrung im Umgang mit Minderjährigen. Dabei kam es dem Bericht zufolge auch zu Kinderrechtsverletzungen.
Kinder- und Jugendanwalt Sebastian Öhner fordert angesichts der zahlreichen Probleme mehr Ressourcen und verbindliche Kinderrechte. Besonders wichtig seien ausreichend qualifiziertes Personal, geeignete Betreuungsplätze und unabhängige Beschwerdemöglichkeiten.
Zudem drängt die Kija auf ein eigenes Kinder- und Jugendanwaltschaftsgesetz. Damit sollen die Rechte junger Menschen besser abgesichert und tatsächlich durchsetzbar werden. Denn eines macht der Jahresbericht deutlich: Kinderrechte dürfen nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern müssen auch im Alltag eingehalten werden.
Positiv bewertet wird die 2025 gestartete "Orientierungshilfe", die Kinder und Jugendliche mit delinquentem Verhalten professionell begleitet und problematischen Entwicklungen frühzeitig entgegenwirken soll.