Heftige Kritik an der Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) gab es am Dienstag (20. Oktober) im Wiener Landtag. Anlass war die Debatte über den Jahresbericht 2025 der Volksanwaltschaft.
Besonders die Situation in den Krisenzentren sorgt für Kritik: Statt der vorgesehenen acht Minderjährigen sollen dort zeitweise bis zu 15 Kinder und Jugendliche untergebracht gewesen sein. Einige mussten laut den von der ÖVP angeführten Feststellungen auf Klappbetten oder Matratzen in Gängen schlafen.
Für die Familiensprecherin der Wiener Volkspartei, Sabine Keri, sind diese Zustände nicht länger hinnehmbar. Sie fordert eine umfassende Reform der MA 11 und wirft der rot-pinken Stadtregierung vor, die Probleme nicht ausreichend zu lösen.
Besonders problematisch sei laut Keri die gemeinsame Unterbringung von Kindern und Jugendlichen mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen. So würden in den Krisenzentren teilweise Minderjährige im Alter zwischen drei und 16 Jahren betreut.
"Unter solchen Bedingungen ist ein Krisenzentrum kein sicherer Ort. Wenn Kinder, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, gemeinsam mit Jugendlichen untergebracht werden, die selbst Täter sexueller Übergriffe waren, ist das ein absolutes No-Go", kritisiert Keri.
Krisenzentren sollen Kindern, die Gewalt, Vernachlässigung oder andere familiäre Krisen erlebt haben, vorübergehend Schutz bieten. Vorgesehen ist grundsätzlich eine kurzfristige Betreuung von bis zu acht Wochen. Danach sollen die Minderjährigen entweder in ihre Familien zurückkehren oder in geeignete längerfristige Betreuungsformen wechseln.
Genau hier sieht Keri ein großes Problem: Weil Plätze in spezialisierten Wohngemeinschaften fehlen, müssten Kinder deutlich länger als vorgesehen in den Krisenzentren bleiben. Zusätzliche Kritik übt die ÖVP an einer Gesetzesänderung vom Juni 2026. Die Stadtregierung habe den eigenen Paragrafen für Krisenzentren gestrichen, statt die Einrichtungen auszubauen.
"Genau das, wofür die Stadt von Volksanwaltschaft, Rechnungshof und Stadtrechnungshof kritisiert wurde, haben SPÖ und Neos nun gesetzlich verankert. Der Druck wird auf die ohnehin vollen WGs abgewälzt, auf Kosten der Kinder und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", so Keri.
Die schlechten Arbeitsbedingungen würden zudem die Suche nach qualifiziertem Personal erschweren. Dadurch könnten bestehende Engpässe weiter verschärft werden, befürchtet die ÖVP-Mandatarin.
Wie angespannt die Situation ist, zeigt auch der Jahresbericht 2025 der Volksanwaltschaft. Demnach muss rund ein Viertel der fremdbetreuten Wiener Kinder und Jugendlichen in anderen Bundesländern untergebracht werden, weil in Wien geeignete Plätze fehlen.
Besonders groß sei der Mangel an sozialtherapeutischen und sozialpsychiatrischen Einrichtungen. Der Rechnungshof kritisierte im August 2025 ebenfalls die Situation und empfahl, Kinder möglichst wohnortnah unterzubringen, damit sie den Kontakt zu ihrer Familie, ihrer Schule und ihrem sozialen Umfeld nicht verlieren.
Ein besonders schwerwiegender Fall wird im Bericht der Volksanwaltschaft geschildert: Ein psychisch erkranktes Mädchen wurde trotz mehrerer psychiatrischer Diagnosen in einer ungeeigneten sozialpädagogischen Wohngemeinschaft untergebracht.
Dort verschlechterte sich sein Zustand erheblich. Das Mädchen verletzte sich wiederholt selbst und musste nach einer Verletzung an der Hand sogar operiert werden. Erst nach sechs Monaten wurde es für einen spezialisierten Betreuungsplatz angemeldet. Weitere sechs Monate vergingen, bis schließlich ein geeigneter Platz in einer sozialpsychiatrischen WG gefunden wurde.
Auch die geplante beziehungsweise inzwischen beschlossene Änderung des Wiener Kinder- und Jugendhilfegesetzes wird im Jahresbericht kritisch beurteilt. Durch die Streichung des eigenen Paragrafen für Krisenzentren wird die stationäre Gefährdungsabklärung nicht mehr ausdrücklich diesen Einrichtungen vorbehalten.
Die Volksanwaltschaft befürchtet dadurch Qualitätseinbußen. Sozialpädagogische Wohngemeinschaften seien für die besonderen Aufgaben der Krisenintervention nicht ausreichend ausgestattet. Kritisch sieht sie außerdem die Erweiterung der zugelassenen Berufsqualifikationen und die Möglichkeit, Betreuungspersonal bereits während der Ausbildung einzusetzen.
Neben der Betreuungssituation kritisiert die ÖVP auch die Kostenentwicklung. Laut Keri stieg die Zahl der Kinder in privaten Einrichtungen seit 2021 um rund zehn Prozent, während die Ausgaben für private Vertragseinrichtungen um 70 Prozent zunahmen. Im Wiener Budget 2026 seien dafür 210,2 Millionen Euro vorgesehen.
"Wer garantiert, dass dieses Geld tatsächlich bei den Kindern ankommt?", fragt Keri. Sie fordert eine Überprüfung der Ausgaben und einen effizienteren Mitteleinsatz. Die ÖVP-Mandatarin brachte im Landtag zudem einen Antrag zur Verbesserung der Sicherheitssituation rund um die Krisenzentren ein. Außerdem verlangt sie eine unabhängige Ombudsstelle, die umstrittene Kindesabnahmen überprüfen soll.