Schätzungsweise 70.000 bis 80.000 Menschen leiden in Österreich an der schweren chronischen Erkrankung ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom). Rund 60 Prozent der Betroffenen sind teilweise arbeitsunfähig, etwa ein Viertel ist sogar ans Haus oder ans Bett gebunden.
In Wien soll daher eine neue Kassen-Spezialambulanz ihre medizinische Versorgung verbessern – auch Long Covid oder andere postakute Infektionssyndrome (PAIS) sollen dort behandelt werden. Die erste Ausbaustufe soll im zweiten Quartal 2027 im Diabeteszentrum Donaufeld in Floridsdorf starten. Wien wird damit nach Salzburg und dem Burgenland das dritte Bundesland mit einer solchen Einrichtung.
Wie Michael Binder, medizinischer Direktor des Wiener Gesundheitsverbundes, gegenüber "Heute" erklärt, sollen in der neuen Einrichtung fünf Fachärzte aus den Bereichen Neurologie, Innere Medizin und Allgemeinmedizin tätig sein. Dazu kommen fünf Pflegepersonen sowie fünf Therapeuten aus der Physio- und Ergotherapie.
"Wir rechnen mit rund 5.000 Patienten pro Jahr", so Binder. Insgesamt sind für die Einrichtung rund 20 Vollzeitstellen vorgesehen. Ab Mitte 2028 soll das Zentrum vollständig zur Verfügung stehen – dann allerdings an einem anderen Standort in der Nähe der Klinik Hietzing oder der Klinik Ottakring. Geleitet wird die Einrichtung vom Neurologen Dr. Martin Komenda-Lett, Oberarzt an der Klinik Favoriten.
Für die Errichtung der Spezialambulanz sind insgesamt 6,7 Millionen Euro vorgesehen. Der laufende Betrieb wird voraussichtlich weitere 3,8 Millionen Euro pro Jahr kosten. Das Zentrum soll medizinische Versorgung, Symptommanagement und therapeutische Begleitung unter einem Dach anbieten. Dabei richtet sich das Angebot insbesondere an Menschen mit mittelschweren bis schweren Krankheitsverläufen.
Für Menschen mit ME/CFS und Long Covid könnte die neue Einrichtung eine wesentliche Erleichterung bringen. Denn bislang ist es für viele Erkrankte schwierig, medizinisches Personal zu finden, das mit den komplexen Krankheitsbildern vertraut ist.
"Bisher mussten Betroffene oft aktiv nach Ärztinnen und Ärzten suchen, die die Erkrankung kennen. Das Zentrum wird die erste spezialisierte Anlaufstelle in Wien. Am Anfang stehen Diagnose, Symptommanagement und Begleitung", erklärt Binder.
Allerdings können Patienten nicht einfach ohne Anmeldung vorbeikommen. Für einen Termin in der Ambulanz ist eine Überweisung durch einen Haus- oder Facharzt notwendig, auch ein Vorscreening mit diversen Untersuchungen ist nötig.
Die Ambulanz soll speziell auf die Bedürfnisse schwer erkrankter Menschen zugeschnitten werden. Vorgesehen sind unter anderem licht- und lärmreduzierte Räume mit Liegemöglichkeiten.
Gerade für ME/CFS-Patienten ist das entscheidend. Denn schon geringe körperliche oder geistige Belastungen können eine deutliche und mitunter lang anhaltende Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes auslösen. Dieses Phänomen wird als Post-Exertional Malaise (PEM) bezeichnet. Auch für Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung kaum noch mobil sind, soll es Unterstützung geben. Geplant sind telemedizinische Angebote und – in begrenztem Maß – auch Hausbesuche.
ME/CFS ist eine schwere chronische Multisystemerkrankung, die häufig nach einer Infektion auftritt. Zu den typischen Beschwerden zählen massive Erschöpfung, Schlafstörungen, Schmerzen, Konzentrationsprobleme und Kreislaufbeschwerden. Charakteristisch ist eine Verschlechterung der Symptome nach Belastung.
Eine allgemein wirksame Heilbehandlung gibt es derzeit nicht. Umso wichtiger sind eine spezialisierte medizinische Betreuung, die Behandlung einzelner Symptome und ein sorgfältiger Umgang mit den begrenzten Energiereserven.