Ein anonymer Tippgeber ließ den mutmaßlichen Kriminellen im fortgeschrittenen Lebensalter Anfang Mai auffliegen: Der gelernte Kirchenmusiker Josef S. (76) soll erst in der Pension mit Drogen in Kontakt gekommen sein, fing wenig später an zu dealen.
Seit 2023 habe der gebürtige Niederösterreicher kiloweise Drogen aus Ungarn nach Österreich geschmuggelt, sie anschließend in seiner Wohnung in Wien-Meidling gebunkert und auf selbst veranstalteten Sex-Partys unter leicht-bekleideten Feiernden verschenkt.
Bei einer Hausdurchsuchung klickten die Handschellen. Der Pensionist, der seine Wohnung am Wochenende regelmäßig in ein Party-Eldorado verwandelt haben soll, gestand, verschiedene Suchtmittel Gästen überlassen zu haben – gegen gewisse Gefälligkeiten. "Die Drogen sind einfach am Tisch gelegen – quasi als Geschenk", bestätigte ein Zeuge, der sich auch an eine große Liebesschaukel aus Leder im Wohnzimmer des Wohnungsmieters erinnern konnte.
Unter den sichergestellten Substanzen fanden Beamte Amphetamine, Crystal, etwas Koks, rund 100 Tabletten XTC und etwas Cannabis, jede Menge gefälschte Potenzpillen, MDMA und auch die Szene-Droge Poppers. Nachbarn soll das rege Kommen und Gehen in der Wohnung des Pensionisten bereits aufgefallen sein. Ebenfalls auffällig: Bei einem Einkommen von rund 1.200 Euro fallen allein Mietkosten mehrerer Wohnungen von rund 1.600 Euro an. In einem Safe lagen zudem 6.000 Euro Bargeld.
Wohl auf mangelnde Erfahrung zurückzuführen lässt sich der für einen Dealer eher ungeschickte Umstand, dass handschriftliche Listen in der Wohnung lagen, die Drogendeals detailreich dokumentieren. Der Verdächtige hinterließ offenbar für jedes Gifterl ein Schrifterl. "Ich hab mir einfach aufgeschrieben, was sie mir schuldig blieben", so der Pensionist – damit er nichts vergisst. Verkauft haben will er aber nur Mephedron bzw. Clephedron, alles andere habe er verschenkt.
Nik Rast übernahm die Verteidigung des greisen Verdächtigen, dem kommende Woche am Wiener Landl bis zu fünf Jahren Haft drohen. Die späte "Berufung" als Krimineller dürfte sich für Josef S. jedoch mildern auf ein etwaiges Urteil auswirken – schließlich hat er rund 78 Jahre lang einen ordentlichen Lebenswandel vorzuweisen. Die Unschuldsvermutung gilt.