Als die Wienerin Julia K. (44) im Februar beim Psychiater anrief, rechnete sie mit einem Termin spätestens im Frühjahr. Stattdessen traf sie die Antwort wie ein Schlag: Der nächste freie Termin sei erst Ende November verfügbar. Neun Monate Wartezeit, ein weiteres Beispiel für den schlimmen Ärztemangel.
Für die 44-Jährige ein Schock. Seit Jahren nimmt sie wegen einer Depression Psychopharmaka, regelmäßige ärztliche Kontrollen sind medizinisch notwendig. Ihr bisheriger Psychiater, der sie lange betreut hatte, ging kürzlich in Pension – deshalb musste sich Julia K. erstmals eine neue Ordination suchen.
"Ich habe wirklich geglaubt, ich habe mich verhört", erzählt Julia K. "Wenn man psychische Probleme hat und Medikamente nimmt, kann man doch nicht einfach neun Monate warten."
Psychopharmaka können körperliche Auswirkungen haben, etwa auf Blutdruck oder Kreislauf. Deshalb werden bei Kontrollen häufig auch Gesundheitswerte überprüft, damit mögliche Nebenwirkungen früh erkannt werden.
Gerade dieser Check ist für die Wienerin ein fixer Bestandteil ihrer Behandlung. Er soll sicherstellen, dass die Medikamente weiterhin richtig eingestellt sind. Die Situation belastet sie besonders stark.
"Meine Therapie hat mir extrem geholfen und ich habe lange gebraucht, um wieder stabil zu werden", erzählt Julia K. "Jetzt habe ich Angst, dass sich mein Zustand verschlechtert, wenn meine Medikamente so lange nicht überprüft werden."
Auf ihre Nachfrage, ob es früher einen Termin gebe, bekam sie schließlich einen Hinweis: Wenn es dringend sei, solle sie einen Wahlarzt kontaktieren.
Doch das hat seinen Preis. Für einen Termin bei einem privaten Psychiater zahlen Patienten häufig zwischen 180 und 300 Euro. Bei längeren Gesprächen kann es sogar noch deutlich teurer werden. Die Krankenkasse ersetzt meist nur einen kleinen Teil.
Für Julia K. ist das keine Lösung. Mehrere hundert Euro für einen einzelnen Termin kann sie sich nicht leisten. "Mir wurde im Grunde gesagt: Wenn du schneller Hilfe willst, musst du privat zahlen", sagt sie. "Aber psychische Gesundheit sollte doch keine Frage des Geldes sein."
Während Julia K. weiter auf ihren Termin wartet, wächst bei ihr die Sorge, dass ausgerechnet das System jene im Stich lässt, die Hilfe am dringendsten brauchen.