Depression gehört weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. In Österreich sind rund 730.000 Menschen betroffen. Bei der Behandlung kommen oft Medikamente – sogenannte Antidepressiva – oder eine Psychotherapie zum Einsatz, manchmal auch beides gemeinsam. "Manche Patientinnen und Patienten bevorzugen jedoch alternative Ansätze wie Sport", erklären Forschende des Cochrane-Netzwerks in ihrer aktuellen Übersichtsarbeit.
Das Wissenschaftsteam der britischen Universität Lancashire hat dafür 73 Studien zu Bewegungsinterventionen bei Menschen mit Depressionen genau analysiert. Fast 5.000 Personen haben daran teilgenommen. Die Ergebnisse zeigen, dass Bewegung für manche gut geeignet ist, aber nicht für alle. Deshalb sei es wichtig, Wege zu finden, die die Betroffenen auch langfristig durchhalten und wollen. "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Bewegung für manche Menschen gut geeignet ist, aber nicht für alle. Daher ist es wichtig, Ansätze zu finden, die die Betroffenen auch langfristig umsetzen können und wollen", so Hauptautor Andrew J. Clegg in einer Aussendung zur Studie.
Das Cochrane-Netzwerk ist ein unabhängiger Zusammenschluss von Forschern, Ärztinnen, Angehörigen der Gesundheitsberufe und Patienten. Es analysiert regelmäßig Forschungsergebnisse – zum Beispiel zur Wirksamkeit von Behandlungen oder Präventionsprogrammen. Diese systematischen Übersichtsarbeiten gelten international als Goldstandard in der evidenzbasierten Gesundheitsversorgung.
Obwohl es mittlerweile zahlreiche Studien zu den positiven Auswirkungen von Sport auf das psychische Wohlbefinden gibt, ist die Beweislage laut Experten noch nicht eindeutig. Es reicht derzeit nicht aus, um Sport generell als Therapie-Alternative zu den bewährten Behandlungen bei Depression zu empfehlen.
Um zu verstehen, wie Bewegung bei Menschen mit Depression wirkt, ist auch die Sportwissenschaft gefragt. "Restlos geklärt ist das noch nicht", erklärt Robert Csapo, Sportwissenschaftler und Leiter der Abteilung für Trainingswissenschaft an der Universität Wien, gegenüber dem "ORF". Viele verschiedene Faktoren würden dabei eine Rolle spielen.
Eine wichtige Funktion übernimmt der Wachstumsfaktor BDNF Alpha. Dieses Protein schützt und bildet neue Hirnnervenzellen, schafft Verbindungen im Gehirn und beeinflusst auch die Neubildung von Blutgefäßen. BDNF Alpha wirkt zudem positiv auf die Regulation von Stress und Emotionen.
Bei Menschen mit schwerer Depression wurden zu geringe Mengen dieses Proteins im Gehirn festgestellt. "Wenn wir jetzt Sport betreiben, steigt die Hirnaktivität, und es wird mehr von diesem Wachstumsfaktor im Gehirn produziert", erklärt Csapo.
„Das ist ein ganz zentraler Weg, über den körperliche Aktivität wirksam ist und auch Depressionen entgegenwirken kann.“
BDNF Alpha wird aber nicht nur im Hirn gebildet, sondern auch in Organen wie der Lunge, Leber und in der Muskulatur. Mehr Bewegung verbessert die Durchblutung, und BDNF Alpha aus den Muskeln gelangt in die Blutbahn und von dort ins Gehirn. "Das ist ein ganz zentraler Weg, über den körperliche Aktivität wirksam ist und auch Depressionen entgegenwirken kann."
Menschen mit Depression haben zudem oft erhöhte Entzündungswerte. "Sport hat auch eine entzündungshemmende Funktion, wodurch im Endeffekt die Produktion eines ganz wichtigen Hormons, nämlich von Serotonin, positiv beeinflusst wird, das dann wiederum auch eine antidepressive Wirkung entfaltet", sagt der Trainingswissenschaftler.
Serotonin ist als "Glückshormon" bekannt, weil es bei der Regulierung von Stimmung und Gelassenheit mitwirkt. Ein niedriger Serotoninspiegel steht mit verschiedenen Formen von Depression in Zusammenhang.
Vor allem Ausdauersportarten wie Laufen oder Radfahren werden meist im Freien ausgeübt. Dadurch bekommt man mehr Tageslicht ab und der Körper produziert mehr Vitamin D. "Und das fördert wiederum die Serotonin-Produktion", erklärt Csapo.
Laut der Cochrane-Studie dürfte eine Kombination aus Ausdauer- und Kraftsport bei leichter bis mittlerer Anstrengung am besten geeignet sein, um die Symptome einer Depression zu lindern. Auch dafür hat Csapo eine Erklärung: "In der Vorbeugung bzw. Therapie von Depressionen macht Krafttraining Sinn, weil bei intensiver muskulärer Arbeit auch muskuläre Botenstoffe, sogenannte Myokine, freigesetzt werden, die im Endeffekt wiederum zu einer vermehrten Produktion des Wachstumsfaktors BDNF-Alpha führen können."