Muskeln, Muskeln, Muskeln

Bigorexie – neuer Fitnesswahn beherrscht junge Männer

Hinter dem Zwang nach immer mehr Muskeln steckt oft Bigorexie – eine psychische Erkrankung, die vor allem junge Männer betrifft.
Heute Life
23.01.2026, 16:51
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Seit Jahrzehnten gelten Probleme mit dem Körperbild vor allem als ein Problem von Frauen. Diese Zuschreibung trifft aber zunehmend auch auf junge Männer zu. Während Frauen in der Regel abnehmen und schmäler werden wollen, wollen diese Jungs oft größer, stärker und muskulöser werden – manchmal bis zum Äußersten.

Besessen von Muskeln

Laut Dr. Jason Nagata, Forscher für Essstörungen an der UC San Francisco, rührt ein negatives Körperbild bei Jungen oft von dem Gefühl her, nicht muskulös genug zu sein. Bei manchen Menschen artet diese Denkweise in eine Besessenheit aus, Fett abzubauen und Muskeln aufzubauen – eine Fixierung, die als "Bigorexie" oder Muskeldysmorphie bekannt ist.
"Das passiert, wenn jemand von der Idee, nicht muskulös genug zu sein, stark beschäftigt oder gar besessen ist", erklärte Nagata gegenüber NPR. "In vielen Fällen ist der Körperbau einer Person tatsächlich normal oder sogar objektiv betrachtet muskulös."

Die fünfte Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen (DSM-5) führt Bigorexie als eine Art körperdysmorpher Störung (BDD) auf – eine Erkrankung, bei der sich jemand obsessiv mit einem wahrgenommenen "Makel" beschäftigt, der in Wirklichkeit gar nicht existiert.

Extreme Ausmaße

Dabei kann die Besessenheit extreme Ausmaße annehmen. Betroffene befinden sich oft in einer schweren Krise. Sie verbringen drei bis fünf Stunden täglich damit, sich Sorgen um ihren Körper zu machen, kontrollieren ständig ihr Aussehen im Spiegel und kämpfen mit massiven Stimmungsschwankungen. Laut der National Alliance for Eating Disorders neigen Menschen mit Bigorexie auch dazu, sich zwanghaft und exzessiv sportlich zu betätigen, insbesondere im Bereich des Gewichthebens, selbst wenn sie verletzt sind oder ihr Körper deutlich erschöpft ist.
Sie schränken möglicherweise auch ihre Kalorienzufuhr ein oder verzichten ganz auf Lebensmittelgruppen, während sie gleichzeitig übermäßig viel Protein zu sich nehmen oder Nahrungsergänzungsmittel missbrauchen, um Muskelmasse aufzubauen. Manche greifen sogar zu Medikamenten oder anabolen Steroiden, um ihre Größe zu steigern.
Diese Gewohnheiten können den Alltag beherrschen und dazu führen, dass sie aufgrund strenger Trainingspläne, rigider Diäten oder ständiger Sorgen um ihr Aussehen Arbeit, Schule oder gesellschaftliche Veranstaltungen versäumen.

Bodybuilder und Leistungssportler haben höheres Risiko

Und obwohl Bigorexie jeden betreffen kann, legen Studien nahe, dass fast 90 % derjenigen, die mit Muskeldysmorphie zu kämpfen haben, junge Männer im Alter zwischen 15 und 32 Jahren sind. Bodybuilder und Leistungssportler sind aufgrund ihrer starken Fokussierung auf Körperbau, Kraft und Perfektionismus einem höheren Risiko ausgesetzt, ebenso wie Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Zwangsstörungen, Depressionen oder Angstzuständen.
Weitere Risikofaktoren sind eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte von BDD, Essstörungen oder Bigorexie sowie Kindheitstraumata wie Mobbing. Auch eine starke Konfrontation mit Social-Media -Botschaften, die "ideale" Körpertypen propagieren, kann die Anfälligkeit erhöhen.

Wahnhafter Muskelaufbau hat Folgen

Auch wenn übermäßiger Muskelaufbau harmlos klingen mag, birgt er ernsthafte psychische und physische Risiken. Laut The Alliance kann zu viel Sport kurzfristig – insbesondere bei Teenagern im Wachstum – zu Stressfrakturen, Muskelzerrungen, beschädigten Wachstumsfugen, Bandscheibenvorfällen und extremer Erschöpfung führen.
Der Missbrauch von Nahrungsergänzungsmitteln oder Steroiden wird mit Leberschäden, Nierenversagen, Immunsuppression und Stimmungsschwankungen in Verbindung gebracht. Eine übermäßige Beschäftigung mit dem Körperbild kann zudem zu geringem Selbstwertgefühl, Depressionen und Angstzuständen führen.
Trotz dieser realen Gefahren bleiben Körperbildstörungen bei Burschen und jungen Männern laut Experten oft unbemerkt, auch im Fall der Bigorexie. Denn die Erkrankung ist nicht an einen bestimmten Körpertyp gebunden, sondern kann jeden Menschen mit jeder Körpergröße, Gewicht und Körperform betreffen. Das macht es schwieriger, sie auf den ersten Blick zu erkennen.

Es gibt Hilfe

Betroffene zögern möglicherweise, Hilfe zu suchen, weil sie sich schämen und es geheim halten. Entscheidend ist, das Thema ernst zu nehmen – denn Bigorexie ist keine Eitelkeit, sondern eine psychische Störung. Die wirksamste Behandlung ist kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Sie hilft, verzerrte Körperbilder, Zwangsgedanken und Kontrollverhalten zu bearbeiten. In schweren Fällen kann eine medikamentöse Unterstützung gegeben werden.

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