Sauerstoffmangel im Ozeane

Akute Atemnot – Nordatlantik geht die Luft aus

Messungen zeigen: Frisches, sauerstoffreiches Wasser erreicht die Tiefen des Nordatlantiks immer langsamer. Die Folgen bedrohen Klima und Meeresleben.
Bernd Watzka
19.02.2026, 06:15
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Dem Nordatlantik geht sprichwörtlich die Luft aus. Das Tiefenwasser wird immer schlechter erneuert, der Sauerstoffgehalt sinkt. Neue Messungen zeigen: Heute dauert es rund zehn Jahre länger als noch vor 30 Jahren, bis frisches Wasser von der Meeresoberfläche in große Tiefen gelangt.

Meerestiere benötigen frisches Wasser

Dabei sind die großen Umwälzströmungen der Ozeane ein zentraler Motor für das Weltklima. Sie transportieren Wärme, Nährstoffe und Sauerstoff und machen den Ozean zu einem wichtigen Klimapuffer. Vor allem Meerestiere sind darauf angewiesen, dass regelmäßig sauerstoffreiches Wasser in die Tiefe strömt.

Tiefenwasser wird immer älter

Ein Forschungsteam um Haichao Guo vom GEOMAR in Kiel (Deutschland) hat untersucht, wie gut diese Belüftung im Nordatlantik noch funktioniert. Dafür bestimmten die Wissenschafter das sogenannte Wasseralter. Es zeigt, wie lang es her ist, dass ein Wasserkörper zuletzt Kontakt mit der Meeresoberfläche hatte.

Gemessen wurde mithilfe von industriellen Spurengasen wie FCKW-12 und Schwefelhexafluorid. Diese gelangen nur über die Luft ins Meer und wirken damit wie eine Zeitmarke. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Tiefenwasser wird immer älter.

Weniger Sauerstoff in der Tiefe

In den 1990er-Jahren nahm das Wasseralter bereits um fast sieben Jahre zu, in den darauffolgenden Jahrzehnten sogar um rund zehn Jahre. Das bedeutet: immer weniger frisches Wasser, immer weniger Sauerstoff in der Tiefe. Kurzfristige Schwankungen ändern nichts am klaren Trend.

Globales Phänomen am Werk

Das Problem betrifft nicht nur den Nordatlantik. Die Forscher sprechen von einem globalen Phänomen. Sinkt der Sauerstoffgehalt, leiden ganze Ökosysteme. Todeszonen können sich ausbreiten, Stoffkreisläufe geraten aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig kann der Ozean weniger CO2 aufnehmen - seine Rolle als Klimapuffer wird geschwächt.

Nordatlantische Umwälzströmung schwächer

Doch warum passiert das? Der Vergleich mit mehreren Erdsystemmodellen zeigt: Natürliche Schwankungen reichen als Erklärung nicht aus. Stattdessen deutet alles auf den Klimawandel hin. Besonders die nordatlantische Umwälzströmung, ein zentraler Motor der Ozeanzirkulation vor Grönland, hat sich seit 1950 um mehr als 15 Prozent abgeschwächt.

Erwärmte Meere und Schmelzwasser aus der Arktis bremsen diese Strömung weiter aus. "Das Wasser im Nordatlantik altert - und das passt genau zur erwarteten Abschwächung der Zirkulation durch die globale Erwärmung", erklärt Forscher Andreas Oschlies.

Räumliche Verteilung von Wasseralterungs-Profilen im Nordatlantik von 1985 bis 2021.
Haichao Guo et al.

Geschwächte Belüftung über Jahrhunderte

Besonders alarmierend: Selbst wenn die CO2-Emissionen sofort gestoppt würden, bliebe die geschwächte Belüftung der Tiefsee über Jahrhunderte bestehen. Der Ozean reagiert extrem träge auf Veränderungen.

Fakt ist: Was sich tief unter der Oberfläche abspielt, ist unsichtbar - aber entscheidend. Verliert der Ozean weiter seine Luft, verliert der Planet einen seiner wichtigsten Schutzschilde.

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