Es war ein genialer PR-Coup: Am 11. September 2025 wurde in Albanien ein KI-System namens "Diella" zur Ministerin für öffentliche Ausschreibungen ernannt. Es sollte ein Befreiungsschlag gegen die notorische Korruption im Land werden. Der Hintergedanke: Ein Computersystem kann nicht bestochen werden.
Doch hinter jedem Betriebssystem steckt letztlich auch ein Mensch. In diesem Fall die Nationale Informationsagentur AKSHI. Diese ist für den Betrieb, Einstellungen und Wartung von "Diella" zuständig. Gegen deren Chefin ermittelt nun die Sonderstaatsanwaltschaft wegen Korruptionsverdacht.
Die Idee für das Projekt kam direkt aus dem Umfeld von Premierminister Edi Rama. Der Regierungschef wollte Albanien als digitalen Vorreiter Europas präsentieren und gleichzeitig das massive Vertrauensproblem bei öffentlichen Ausschreibungen lösen. Immer wieder hatte es Vorwürfe gegeben, dass staatliche Aufträge an politisch gut vernetzte Unternehmer vergeben würden.
"Diella" sollte staatliche Ausschreibungen objektiver machen. Die KI analysierte Angebote, verglich Preise und sollte verdächtige Muster automatisch erkennen.
Der Bot existierte bereits seit Jahresbeginn 2025 auf dem Behördenportal "E-Albania". Entwickelt wurde das System gemeinsam mit Microsoft und OpenAI. Später bekam "Diella" einen animierten Avatar in traditioneller albanischer Tracht. Als Vorlage diente Schauspielerin Anila Bisha, die der KI auch ihre Stimme lieh.
Zweifel an der tatsächlichen Unabhängigkeit des Bots gab es von Anfang an. "Sie ist meine Tochter", sagte Premier Rama damals bei der Einführung des Bots und ergänzte: "Sie ist sehr loyal gegenüber ihrem Vater." Sie habe keine Cousins und sei daher nicht anfällig für Freunderlwirtschaft.
Doch Kritik gab es von Anfang an. Gegner warnten davor, politische Verantwortung an eine demokratisch nicht legitimierte KI auszulagern. Zudem blieb unklar, wer am Ende tatsächlich Entscheidungen traf.
Nun steht ausgerechnet die Behörde hinter "Diella" im Visier der Justiz. Die Sonderstaatsanwaltschaft (SPAK) ermittelt gegen AKSHI-Chefin Mirlinda Karçanaj, ihre Stellvertreterin Hava Delibashi sowie weitere Verantwortliche wegen Korruptionsverdachts und möglicher Manipulation von Vergabeverfahren.
Der zentrale Vorwurf: Nicht die KI soll über Staatsaufträge entschieden haben, sondern die Menschen hinter ihr. Ermittler prüfen nun, ob Ausschreibungen manipuliert und Vergaben gezielt beeinflusst wurden. Konkurrenten sollen teils unter Druck gesetzt worden sein, sich aus Verfahren zurückzuziehen.