Er stand 26 Jahre als Kabarettist auf der Bühne, bevor es nicht mehr ging. "Mein ganzes Sozialleben, mein ganzes Sein, war auf diese Karriere hin ausgerichtet. Ich bin dann am 31. Juli 2021 im Volksheim Köflach auf die Bühne und habe gewusst, das wird meine letzte Show", blickt Alf Poier im "Heute"-Gespräch zurück.
Sein plötzliches Aus hatte vor allem gesundheitliche Gründe. Vor jeder Vorstellung musste sich der 59-Jährige übergeben, manchmal sogar zwischendurch kurz abtreten. "Ich litt unter chronischer Übelkeit und chronischer Magenentzündung. Ich habe jahrelang von Energydrinks und Leberkässemmeln gelebt."
Seine Zustände beschreibt Poier, der inzwischen hauptberuflich Maler ist, auch in seiner soeben erschienen Biografie "Extrem 'normal'". "Ich hätte genug Ideen, eigentlich müsste ich auf die Bühne, aber mein Körper will das nicht", sagt er fünf Jahre später. Zudem fühlt er sich nicht frei genug, alle Themen anzusprechen, die ihm unter den Nägeln brennen. "Man kann viele Dinge nicht mehr beim Namen nennen, ohne Probleme zu bekommen." Nachdem sich der einstige Song-Contest-Teilnehmer, der es 2003 auf Platz Sechs schaffte, kritisch über die spätere ESC-Gewinnerin Conchita Wurst äußerte, wurde er vielfach als homophob wahrgenommen. Er wurde nicht mehr eingeladen, sondern gecancelt.
"Museen, die mich eingeladen hatten, strebten keine weitere Zusammenarbeit an, aufgrund gewisser öffentlicher Aussagen. Es wird in der Kunst- und Kulturszene immer Vielfalt gepredigt. Aber eigentlich wird Einheitsbrei verlangt. Und als freier Geist will ich mich dem nicht unterwerfen", gibt sich Poier kämpferisch. "Ich weiß, dass ich manchmal an die Grenze gegangen bin – oder auch drüber. Aber wie Frank Zappa schon gesagt hat: Ohne Abweichung von der Norm ist Fortschritt nicht möglich. Es gab freigeistige Kollateralschäden".
Poier bereut nicht, seine "Wahrheit" ausgesprochen zu haben. "Es ist ja nicht Aufgabe der Kunst, politisch korrekt zu sein, sondern den gesellschaftlichen Konsens allumfänglich zu diskutieren." Er habe sich für einige seiner Aussagen entschuldigen "müssen", betont der Komiker ernst. "Man bekommt einen derartigen Druck, wenn man so medial im Fokus steht. Dann muss man sich halt beugen".
Im Rückblick ist er dennoch "ein bisschen stolz, dass ich das durchgestanden habe und was ich gemacht habe". Die Art, wie Poier Kabarett, Bilder und Objekte in seinen Shows zu einem Gesamtkunstwerk vermischte, gab es so noch nicht. Dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet und gefeiert. Nach kritischen Äußerungen wurde er später jedoch zum "Buhmann der Nation", wie es der 59-Jährige in seinem Buch beschreibt. "Es sind mir auch Dinge in den Mund gelegt worden, die ich so nie gesagt habe. Und ich habe nie Unterstützung von der Kollegenschaft gehabt. Ich hätte mir erwartet, dass irgendwer sagt, ich bin zwar anderer Meinung als der Poier, aber er darf das sagen."
Bitter ist Poier darüber aber nicht geworden, "weil ich viel mehr erreicht habe, als ich mir vorgenommen habe." Der Steirer blickt auf seine bescheidenen Anfänge zurück: "Ich habe nichts gehabt. Keine Dusche, keinen Kühlschrank, Gewand von der Caritas." Später, am Höhepunkt seiner Kabarett-Karriere spielte er rund 200 Shows im Jahr. Von dem Geld kann er heute noch gut leben, betont Poier. "Ich habe finanziell ausgesorgt".
Und er ergänzt: "Mittlerweile habe ich auch geistig ausgesorgt." In seiner intensiven Beschäftigung mit Philosophie, indischer Mystik und japanischem Zen-Buddhismus "wollte ich mir die Welt erklären." Seine Erkenntnis: "Loslassen ist nicht nur ein Wort. Das muss man auch umsetzen. Und Nein sagen muss man auch lernen. Jetzt bin ich so frei, das können sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen."