Marion war zehn Jahre alt, als sie Opfer sexueller Gewalt wurde. Ein Mann aus ihrer Nachbarschaft missbrauchte und vergewaltigte das Mädchen. Was folgte, war jahrelanges Schweigen. Der Täter hatte ihr eingeredet, sie trage Mitschuld an dem Geschehenen. Diese Manipulation prägte sie über lange Zeit.
In der Schule verschlechterten sich ihre Leistungen deutlich, sie litt unter körperlichen Beschwerden wie ständiger Übelkeit und Erbrechen. Über die Ursache sprach sie mit niemandem. Zu groß waren Scham, Angst und die innere Überzeugung, selbst verantwortlich zu sein – berichtet die "Kleine Zeitung".
Erst im Erwachsenenalter begann Marion im Rahmen einer Therapie, das Erlebte aufzuarbeiten. Dort wurde ihr klar, dass die Schuld ausschließlich beim Täter liegt. "Der Täter hat mir die Schuld gegeben. Ich hatte immer Schuldgefühle", sagt sie heute rückblickend.
Mit dieser Erkenntnis reifte auch die Entscheidung, Anzeige zu erstatten. Ein Schritt, der viel Kraft erforderte. Der Beschuldigte stammte aus ihrem Heimatort in Kärnten, das Verfahren würde nicht ohne öffentliche Aufmerksamkeit bleiben.
Im Zuge der Ermittlungen zeigte sich, dass es nicht bei einem Opfer geblieben war. Weitere Frauen meldeten sich bei der Polizei und schilderten ähnliche Übergriffe. Der Mann wurde angeklagt, vor Gericht gestellt und rechtskräftig verurteilt. Er musste eine Haftstrafe antreten.
Die juristische Aufarbeitung brachte Gerechtigkeit, aber nicht nur Zustimmung. In ihrer Heimatgemeinde sah sich Marion teilweise mit Anfeindungen konfrontiert. Einzelne stellten sich auf die Seite des Täters oder äußerten Zweifel am Urteil. Für sie bedeutete das eine zusätzliche Belastung.
Heute beschreibt sich die Kärntnerin als gefestigt. Sie ist verheiratet, beruflich erfolgreich und führt ein selbstbestimmtes Leben. Ihre Geschichte erzählt sie bewusst öffentlich, um anderen Betroffenen Mut zu machen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Hilfe bei sexueller Gewalt
Wenn Du von sexueller Gewalt betroffen bist oder Unterstützung brauchst, bekommst Du hier anonym und kostenlos Hilfe:
Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555
Rund um die Uhr, kostenlos aus ganz Österreich erreichbar
Gewaltschutzzentren Österreich
Beratung und Unterstützung in allen Bundesländern
Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen Wien: 01 523 22 22
Beratung, Krisenintervention und Begleitung
Rat auf Draht: 147
Notruf für Kinder und Jugendliche, rund um die Uhr
"Ich bin nicht der Täter, ich bin das Opfer", beschreibt sie jenen Moment, in dem sich ihr Blick auf sich selbst grundlegend verändert hat. Ihr Anliegen ist klar: Verantwortung trägt immer der Täter. Schweigen schützt nicht - weder einen selbst noch mögliche weitere Betroffene. Ihre Entscheidung zur Anzeige führte zur Verurteilung - und gab auch anderen den Mut, ihre Stimme zu erheben.