Die Warnung kommt mit Wucht: Eine der wichtigsten Meeresströmungen der Erde steht womöglich näher vor dem Kollaps als bisher angenommen. Laut einer neuen Studie könnte sich die sogenannte Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) bis zum Jahr 2100 um bis zu 59 Prozent abschwächen. Das hätte massive Folgen – auch für Europa.
Die AMOC funktioniert wie ein riesiges Förderband im Ozean: Warmes Wasser strömt aus den Tropen nach Norden, kaltes Wasser fließt wieder Richtung Süden. Dieses System stabilisiert das Klima auf mehreren Kontinenten und ist essenziell für Ökosysteme im Meer.
Doch genau dieses System gerät zunehmend ins Wanken, wie eine Mitte April in "Science Advances" veröffentlichte Studie nun zeigt. Durch die Einbindung neuster reale Messgrößen wie Oberflächentemperatur und Salzgehalt im Südatlantik ist das Modell genauer als seine Vorgänger. Was dabei zutage kam, sorgt für Alarmstimmung unter Experten.
Die wichtige Atlantikströmung könnte sich im Vergleich zum Zeitraum 1850 bis 1900 um rund 51 Prozent abschwächen – rund 60 Prozent mehr, als frühere Modelle vorhergesagt hatten. Bereits ein Rückgang um 50 Prozent gilt laut Weltklimarat als "erhebliche Abschwächung".
Die Autoren warnen, dass sich das System einem Kipppunkt nähert – also einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Ein solcher "Point of no return" hätte gravierende Folgen für das Weltklima.
Ein tatsächlicher Kollaps wäre eine Katastrophe. Die Folgen wären dramatisch und würden über Jahrhunderte bis Jahrtausende anhalten. In Nordeuropa würden die Temperaturen stark sinken, während Südeuropa unter extremer Dürre leiden könnte. Gleichzeitig würde der Meeresspiegel an der Ostküste Nordamerikas ansteigen.
Auch der britische Klimaforscher David Thornalley spricht von einem "besorgniserregenden" Warnsignal. Noch deutlicher wird der Deutsche Stefan Rahmstorf: "Die prognostizierte AMOC ist so schwach, dass sie dann sehr wahrscheinlich auf dem Weg zu einem vollständigen Stillstand ist."
Auch die Landwirtschaft wäre massiv betroffen. Laut Studie könnte sich die verfügbare Anbaufläche für wichtige Grundnahrungsmittel wie Weizen und Mais mehr als halbieren. Diese Pflanzen liefern derzeit rund zwei Fünftel der weltweiten Kalorienversorgung.
Doch nicht alle Experten sehen die Lage gleich eindeutig, die Unsicherheiten bleiben groß. Die Ozeanografin María Paz Chidichimo betont die Notwendigkeit, "neue Ergebnisse jeder Studie in einen breiteren Kontext einzuordnen. [...] Ich denke, dass Ausmaß und Zeitpunkt weiterhin unsicher sind." Auch für die britische Forscherin Laura Jackson bleibt es laut "Live Science" noch eine offene Frage, welches Modell der AMOC-Projektionen am wahrscheinlichsten ist.
Für die Forscher ist aber klar: Die Diskussion über den genauen Zeitpunkt darf nicht vom Wesentlichen ablenken. Denn Veränderungen sind bereits jetzt messbar – und ihre Auswirkungen spürbar.
Trotz ihrer vorsichtigen Einschätzung hat Chidichimo einen klaren Appell: "Wir haben genug wissenschaftliche Belege [...] und wir erleben bereits Umweltveränderungen mit wichtigen sozioökonomischen Auswirkungen weltweit. Staaten müssen sich jetzt vorbereiten."