Bizarre Vorwürfe

"Turbokrebs"-Mythos – FPÖ attackiert EU-Kommission

Die FPÖ glaubt immer noch an den Mythos "Turbokrebs" durch Covid-Impfung. Doch in Österreich gab es keinen plötzlichen Anstieg aggressiver Tumore.
Newsdesk Heute
23.04.2026, 21:30
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Der freiheitliche EU-Abgeordnete Gerald Hauser übt am Donnerstag per Pressemitteilung scharfe Kritik an der EU-Kommission. Diese würde, so sein Vorwurf, einen "Zusammenhang zwischen Covid-19-mRNA-Impfstoffen und aggressiven Krebserkrankungen ('Turbokrebs') [...] beharrlich leugnen".

Was durch die blaue Wortwahl wie ein Faktum klingt, ist keines. Die EU-Kommission hat in ihrer Anfragebeantwortung den Status quo korrekt wiedergegeben: "Es liegt keine wissenschaftliche Evidenz dafür vor, dass das Krebsaufkommen infolge der Impfung gegen COVID-19 zugenommen hat". Die gleiche Antwort hat die FPÖ bereits im Jänner bei ihrer Anfrage an das österreichische Gesundheitsministerium erhalten.

"Keine kausalen Zusammenhänge erkennbar"

Gleichzeitig kann Hauser keine Daten vorlegen, die Gegenteiliges beweisen. Er bezieht sich auf Anekdoten und eine wenige aussagekräftige Kohortenstudie aus Südkorea (Kim et al. 2025), die nicht einmal als Volltext publiziert wurde.

Darin wurden Daten der südkoreanischen Gesundheitsversicherung von etwa 8,4 Millionen Menschen nach Impfstatus getrennt und rückblickend für die Jahre 2021 bis 2023 ausgewertet. Das Ergebnis: "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die COVID-19-Impfung mit einem erhöhten Risiko für sechs bestimmte Krebsarten einhergehen könnte." Könnte.

Die südkoreanischen Autoren halten dazu aber selbst fest, dass bei der Interpretation ihrer Ergebnisse Vorsicht geboten ist: "Es sind jedoch weitere Studien erforderlich, um mögliche kausale Zusammenhänge aufzuklären." Der Beobachtungszeitraum war außerdem zu kurz, oder etliche Fehlerquellen auszuschließen – ein Umstand, den andere Fachleute bereits ausführlich kritisiert haben.

Heißt im Klartext: Die Südkorea-Studie ist kein Beweis, dass die Covid-19-Impfung überhaupt Krebs verursacht. Sie kann somit auch keinen "Turbokrebs" belegen.

"Turbokrebs" bleibt ein Mythos

Trotzdem wird von einschlägigen Kreisen der "Turbokrebs"-Mythos weiterhin verbreitet. Auch die FPÖ greift diese Erzählung immer wieder auf, obwohl die medizinische Realität in Österreich und im Rest der Welt genau das Gegenteil beweist.

Denn würden die von den Südkoreanern beobachteten Krebsdiagnosen wirklich mit den Millionenfach verabreichten Impfungen zusammenhängen, müsste die Krebsinzidenz – die Zahl der Diagnosen pro 100.000 Personen – auch bei uns ab dem Beginn der Impfkampagnen im Dezember 2020 dramatisch nach oben gegangen sein. Das ist nicht passiert.

Die Daten aus dem Österreichischen Krebsregister der Statistik Austria zeigen: Das individuelle, altersstandardisierte Erkrankungsrisiko (Infografik oben) ist zwischen 2014 und 2024 innerhalb der langjährigen Schwankungsbreite geblieben. Von einer solchen Zunahme von Krebsfällen gibt es keine Spur – schon gar nicht von einem aggressiven "Turbokrebs".

Mehr Krebserkrankungen

Dennoch gibt es – in absoluten Zahlen – mehr Krebsfälle als noch vor 10 Jahren. 2024 wurde bei 48.360 Personen Krebs diagnostiziert. Das ist ein Plus von 16,4 Prozent gegenüber 2014.

Die Erklärung dieses Anstiegs ist laut Statistik Austria "vor allem eine Folge der Alterung der Bevölkerung". Das Alter ist demnach einer der größten Risikofaktoren und hat "erheblichen Einfluss" auf die Entwicklung der Krebsfälle. Dazu kommt auch noch das generelle Bevölkerungswachstum: Zu Jahresende 2024 lebten knapp 9,2 Millionen Menschen in Österreich, 2014 waren es nur circa 8,5 Millionen.

Der medizinische Fortschritt bedeutet zudem, dass Krebs öfter und früher entdeckt wird und es bessere Behandlungsmöglichkeiten gibt. Das Gesamtbild der Neuerkrankungen ist im Vergleich zu den Vorjahren "unverändert". Die am häufigsten auftretenden Tumorarten sind weiterhin Brustkrebs bei Frauen und Prostatakrebs bei Männern.

Dass da kein "Turbokrebs" dabei ist, zeigt auch die steigende Überlebenswahrscheinlichkeit nach einer Diagnose. Die Mortalität steigt zwar in absoluten Zahlen (2024: 21.345 Personen, +4,7 % zu 2014), doch die Sterberate relativ zur Gesamtbevölkerung befindet sich seit Jahrzehnten im Sinkflug.

Inzwischen leben rund 83 Prozent aller Patienten ein Jahr nach der Diagnose (siehe Infografik oben). In den 1980er Jahren waren es weniger als 70 Prozent der Frauen und weniger als 65 Prozent der Männer.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 24.04.2026, 07:19, 23.04.2026, 21:30
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