Studie im Fokus

Turbokrebs durch Corona-Impfung? Autoren packen aus

Eine Studie sorgt für Wirbel. Sie soll angeblich beweisen, dass die Corona-Impfung das Krebsrisiko erhöht. Doch die Studienautoren widersprechen.
Digital  Heute
02.02.2026, 19:03
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Seit Wochen gehen Meldungen, wonach eine Studie aus Südkorea zeige, dass die Corona-Impfung Krebs auslösen könne, viral. Vor allem der Begriff "Turbokrebs" macht die Runde. Auch die FPÖ griff das auf, stellte eine parlamentarische Anfrage an Gesundheitsministerin Korinna Schumann. Die antwortete, wie berichtet, vor wenigen Tagen mit einer klaren Absage: Die Krebs-Behauptungen stimmen nicht.

Die Studie zeigt keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Corona-Impfung und Krebs. Darauf weisen sogar die Forschenden selbst in ihrer Arbeit hin: "Obwohl unsere Daten Einblicke in das mit der Covid-19-Impfung verbundene Krebsrisiko geben, lassen unsere Ergebnisse keine kausalen Zusammenhänge erkennen."

Riesiger Aufschrei auf Social Media

Schlagzeilen wie "Albtraumszenario bestätigt", "Mega-Studie beweist Krebs nach Covid-Spritze" oder "extrem höheres Risiko für Schilddrüsen-, Magen-, Darm-, Lungen-, Brust- und Prostatakrebs" kursieren auf fragwürdigen Plattformen wie thepeoplesvoice.tv, uncutnews.ch und auf1.tv. Diese Seiten sind laut Experten schon länger für die Verbreitung von Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen bekannt.

Auch die von Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. gegründete Plattform childrenshealthdefense.org springt natürlich auf diesen Zug auf. Ihre Inhalte – und die Studie selbst – werden in den sozialen Medien in vielen Sprachen geteilt. Doch: Die Studie sagt gar nicht das, was dort behauptet wird.

Die Arbeit trägt den Titel "1-Jahres-Risiko für Krebserkrankungen im Zusammenhang mit Covid-19-Impfungen: eine groß angelegte bevölkerungsbasierte Kohortenstudie in Südkorea". Analysiert wurden Daten von mehr als acht Millionen Menschen aus den Jahren 2021 bis 2023. Die Autorinnen und Autoren schreiben, dass die Impfung mit einem erhöhten Risiko für sechs Krebsarten verbunden sein könnte: Schilddrüsen-, Magen-, Darm-, Lungen-, Brust- und Prostatakrebs. Das Risiko scheint bei Menschen über 65 am höchsten – mit Ausnahme von Prostatakrebs. Warum das so sein soll, bleibt in der Studie allerdings offen.

Forschende selbst mahnen zur Vorsicht

Veröffentlicht wurde das Ganze übrigens nicht als vollwertige Originalstudie, sondern nur als "Correspondence" – also als kurzer Beitrag mit Leserbrief-Charakter. Die Forschenden, die nicht aus der Onkologie oder Epidemiologie kommen, sondern aus Fachrichtungen wie Orthopädie und IT, schreiben selbst, dass weitere Untersuchungen nötig seien, "um festzustellen, ob spezifische Impfstrategien für Bevölkerungsgruppen, die eine Covid-19-Impfung benötigen, optimal sind".

Von einer Warnung, wie sie alternative Medien herauslesen wollen, ist keine Rede. Im ergänzenden Material zur Studie wird unter "Limitations of this study" betont: "Obwohl unsere Daten Einblicke in das mit der Covid-19-Impfung verbundene Krebsrisiko geben, lassen unsere Ergebnisse keine kausalen Zusammenhänge erkennen." Das bedeutet: Aus der Studie kann man nicht ableiten, dass die Impfung tatsächlich Krebs verursacht.

„Die zitierte Studie von Kim et al. (2025) kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen Covid-19-Impfungen und erhöhten Krebsrisiken herstellen.“
Korinna SchumannGesundheitsministerin auf die FPÖ-Anfrage

Fachleute üben scharfe Kritik

Nicht nur Impfgegner und Social-Media-User haben die Studie kommentiert, sondern auch zahlreiche Expertinnen und Experten. Laut Benjamin Mazer, Pathologe an der Johns Hopkins University in Baltimore, handelt es sich um eine reine Beobachtungsstudie. Solche Studien haben "grundlegende Einschränkungen". Die Epidemiologin Becky Smullin Dawson vom Allegheny College in Pennsylvania merkt an, dass wichtige Faktoren wie die Familiengeschichte oder Vorsorgeuntersuchungen nicht berücksichtigt wurden.

In der Studie fehlt auch der sogenannte "Healthy Vaccinee"-Effekt: Geimpfte Menschen sind meist gesünder und gehen öfter zur Kontrolle. Das verzerrt die Ergebnisse zusätzlich. Die Unterscheidung zwischen "geimpft" und "ungeimpft" sei zwar gängig, aber nicht ausreichend, meint Mazer.

Auch Carsten Watzl, Immunologe am Leibniz-Institut an der TU Dortmund, verweist gegenüber der Nachrichtenagentur DPA auf eine französische Studie, bei der Geimpfte und Ungeimpfte besser vergleichbar waren. Ergebnis dort: Das Krebsrisiko war bei Geimpften nicht erhöht.

Kurven trennen sich auffällig früh

Mehrere Fachleute stören sich an den in der Studie gezeigten Kurven: "Wenn man sich die Daten einfach so anschaut, sieht es so aus, als hätten geimpfte Menschen höhere Krebsraten", sagt der amerikanische Immunologe Morgan McSweeney. Allerdings sei es "verdächtig", dass sich die Kurven unmittelbar nach der Impfung trennen. "Das würde bedeuten, dass Menschen innerhalb von Tagen nach der Impfung Krebs entwickeln und dieser sofort erkannt wird", so McSweeney.

Das sei laut Mazer völlig unlogisch: "Kein Karzinogen kann so schnell Krebs auslösen." Krebs braucht Zeit, um zu entstehen. Außerdem geht es in der Studie nicht um die tatsächliche Entstehung von Krebs, sondern um die Diagnose.

Auch die Studienautoren selbst schreiben: "Da die meisten soliden Tumore mehr als ein Jahr brauchen, um sich zu entwickeln, ist unsere einjährige Nachbeobachtungszeit für die Bewertung der Krebsinzidenz relativ kurz, und die Möglichkeit einer umgekehrten Kausalität oder einer Verzerrung durch die Überwachung kann nicht ausgeschlossen werden." Sie raten zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse.

Der Onkologe Vinay Prasad hat schon vor Jahren auf solche auffälligen Kurven hingewiesen. Er sagte: "Ein solcher Effekt ist biologisch undenkbar. Die Ergebnisse deuten vielmehr auf eine Restverwirrung hin", zitiert Mazer.

Kein Beleg für Turbokrebs durch Impfung

Würde die Corona-Impfung tatsächlich das Krebsrisiko stark erhöhen, müsste das auch in den offiziellen Gesundheitsstatistiken sichtbar sein. Doch das ist nicht der Fall – weder in Südkorea noch anderswo. Auch nicht in Österreich.

Die Krebszahlen bis 2022 zeigen keinen Anstieg. "Da die Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend immunisiert war und die Wirkung angeblich sofort eintreten soll, sind diese realen Daten höchst widersprüchlich", so Mazer. Die Studie aus Südkorea wird in sozialen und alternativen Medien fälschlicherweise als Beweis dafür herangezogen, dass Corona-Impfungen das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen.

In Wirklichkeit gibt es keinen Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang. Die Forschenden selbst betonen die methodischen Schwächen ihrer Arbeit, darunter die kurze Beobachtungszeit und fehlende Kontrolle wichtiger Faktoren. Fachleute aus Medizin und Wissenschaft kritisieren die Studie und halten die beobachteten Effekte für biologisch nicht plausibel. Auch echte Gesundheitsdaten widerlegen die Behauptungen. Kurz gesagt: Die Studie liefert keinen Beweis dafür, dass Corona-Impfungen Krebs verursachen.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 02.02.2026, 19:35, 02.02.2026, 19:03
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