Die Bevölkerung wird älter, die Diagnosezahlen explodieren. Was lange verdrängt wurde, trifft das Land nun mit voller Wucht. Experten schlagen Alarm – und fordern ein Umdenken in der Medizin.
In Österreich erkranken jährlich rund 46.000 Menschen neu an Krebs. Insgesamt leben bereits etwa 440.000 Betroffene mit einer Diagnose. Besonders dramatisch ist die Lage bei älteren Menschen: Bei den über 75-Jährigen liegt die Krebsrate bei 34 Prozent.
"Das heißt, dass sich jeder Dritte ab einem Alter von 75 mit diesem Thema auseinandersetzen muss", sagte Birgit Gerstorfer, Präsidentin des Österreichischen Seniorenrates, laut APA. Der nun präsentierte Krebsreport widmet sich deshalb erstmals umfassend dem Thema Krebs im Alter.
Mehr als 60 Prozent aller Krebsdiagnosen betreffen Menschen über 65 Jahre. Bis 2040 soll dieser Anteil auf über 75 Prozent steigen. Mit dem Alter nimmt nicht nur das Risiko zu, auch die Prognose wird schlechter.
Kathrin Strasser-Weippl, medizinische Leiterin der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie, betont dennoch: Die Versorgung älterer Krebspatienten funktioniere in Österreich aktuell gut. Moderne Medikamente würden auch Menschen über 80 verabreicht, Überlebenschancen hätten sich deutlich verbessert.
Die Behandlung älterer Patienten ist jedoch hochkomplex. Viele leiden an mehreren Erkrankungen gleichzeitig und nehmen zahlreiche Medikamente ein. Stichwort Polypharmazie: Zehn Medikamente pro Tag sind keine Seltenheit – dazu kommen Krebsmedikamente.
Genau hier liegt die Gefahr. Wechselwirkungen, Übertherapien und unnötige Belastungen müssen vermieden werden. Gefordert wird daher eine maßgeschneiderte Therapie, die nicht nur den Tumor, sondern den ganzen Menschen berücksichtigt.
Ein weiteres Problem: Vorsorge wird zwar gekannt, aber oft nicht genutzt. Beim Brustkrebs-Screening nehmen nur 50 bis 60 Prozent der Berechtigten teil – nötig wären 80 bis 90 Prozent.
Österreich hat zwar eine hohe Lebenserwartung, aber zu wenige gesunde Jahre. Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel gelten als zentrale Treiber. Die Experten sind sich einig: Ohne Prävention und Früherkennung wird die Krebswelle im Alter weiter anwachsen.