Verfeindete Jugendgruppen, eine brutale Straßenschlacht in Graz – Bilder wie diese brennen sich ein. Der Eindruck: Immer mehr kriminelle Jugendliche, immer mehr Brutalität. Doch genau das stellt Anneliese Pieber, Abteilungsleiterin beim Verein Neustart Steiermark, infrage. "In Wahrheit sind die Verurteilungszahlen rückläufig."
Auch der Salzburger Jugendrichter Thomas Tovilo-Moik kommt zum selben Schluss. Gegenüber der "Kleinen Zeitung" sagt er: "Es ist das Wesen von Jugend, Grenzen auszuloten. Aber Faktum ist, dass die Jugendkriminalität in den letzten zehn Jahren ungefähr gleichgeblieben und die Anzahl der verurteilten Jugendlichen sogar gesunken ist."
Der Eindruck einer Eskalation entstehe laut Pieber vor allem durch spektakuläre Einzelfälle und größere mediale Präsenz. "Was sicher steigt, ist die Anzeigenbereitschaft wie auch die Aufklärungsquoten." Was früher unter der Hand geregelt wurde, lande heute häufiger bei Polizei und Gericht.
Zudem gelte: "Wenige Jugendliche begehen viele Delikte." Hinter dutzenden geklärten Einbrüchen könnten mitunter nur zwei Täter stecken. Besonders schwere Gewalttaten unter Jugendlichen seien "extrem selten". Einen Anstieg beobachte man nicht. "Wir sind der Überzeugung, dass die Gewalt nicht gestiegen ist, früher gab es mehr Gewalt."
Jugendkriminalität sei überwiegend männlich – nur rund 20 Prozent der Straffälligen sind Mädchen. Häufig fehle es den Betroffenen an familiärem Rückhalt, Perspektiven und Tagesstruktur. Der Verein Neustart arbeitet im gerichtlichen Auftrag intensiv mit Jugendlichen, etwa beim Nachholen von Schulabschlüssen oder in sozialpädagogischen Sitzungen. "Eine Haftstrafe allein verändert in den seltensten Fällen etwas."
Die Bilanz fällt positiv aus. Die Erfolgsquoten seien hoch, die Rückfallsraten gering. Jugendrichter Tovilo-Moik nennt konkrete Zahlen: "Im Beobachtungszeitraum von vier Jahren gab es eine Rückfallsrate von 30 Prozent. Das heißt also, dass 70 Prozent der verurteilten Straftäter nicht rückfällig wurden."