Um 12.45 Uhr wird es still im Saal 250 des Osloer Amtsgerichts. Marius Borg Høiby tritt nach vorne und nimmt auf dem Einzelstuhl für Befragte Platz. Nicht zwischen Anwälten, nicht geschützt. Allein. Noch bevor die erste Frage gestellt wird, kommen ihm die Tränen.
"Ich finde es unglaublich schwierig, vor so vielen Menschen zu sprechen", sagt er laut "VG". Er greift nach einem Taschentuch, nimmt die Brille ab, wischt sich die Augen. Der Richter gewährt ihm eine kurze Pause, um sich zu sammeln.
Marius erscheint in dezenter Kleidung: dunkelblauer Pullover mit Reißverschluss, dunkle Hose, dunkelblaue Loafer mit weißer Sohle. Er sitzt mit verschränkten Armen auf dem Einzelplatz für Befragte, blickt beim Sprechen zu den drei Richtern. Anfangs ist seine Stimme brüchig, im Laufe der Aussage wird sie klarer.
Zu Beginn bittet Marius darum, etwas anmerken zu dürfen. Unter Tränen spricht er über sein Aufwachsen im Fokus der Öffentlichkeit. "Seit ich drei Jahre alt bin, wurde ich von der Presse verfolgt. Sehr wenige hier können sich mein Leben vorstellen." Er sagt, er sei in Norwegen stets nur als "der Sohn von Mama" wahrgenommen worden. Daraus habe sich ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung entwickelt, das sich in exzessivem Konsum von Sex, Alkohol und Drogen geäußert habe.
„Ich schlafe nicht mit Frauen, die nicht wach sind“Marius Borg Høiby bei seiner Aussage an Tag 2
Während der Aussage sind hinter ihm zwei Sicherheitsbeamte positioniert. Foto- und Videoaufnahmen im Gerichtssaal sind verboten. Marius richtet seinen Blick fast ausschließlich auf die Richterbank.
Im weiteren Verlauf nimmt er seine Mutter, Kronprinzessin Mette-Marit, in Schutz. Im Zuge der Ermittlungen war eine SIM-Karte aus einem alten Handy verschwunden, was Spekulationen ausgelöst hatte, die Kronprinzessin könne diese an sich genommen haben. Marius widerspricht dem deutlich. Er habe ein altes, lange ungenutztes Handy mit kaputtem Bildschirm gefunden und abgegeben. "Die Leute hier hinter mir behaupten, dass Mama mein Handy genommen habe – aber das stimmt nicht. Sie hat das Geschirr gespült", sagt er mit Blick auf die Presse.
Dann spricht Marius erstmals ausführlich über die sogenannte "Skaugum-Frau", das mutmaßliche erste Opfer. Ihm wird vorgeworfen, sie am 20. Dezember 2018 während einer Partynacht auf Schloss Skaugum vergewaltigt zu haben. Marius gibt an, an diesem Abend erstmals Kokain konsumiert zu haben. Während seiner Aussage wirkt es, als habe er Snus im Mund.
Er schildert das erste Zusammentreffen mit der Frau und beschreibt sie als interessiert an seinem Auto. Sie habe abends eine Sonnenbrille getragen. Laut Marius habe sie sich ihm genähert, vermutlich um ihn zu küssen, als er ein Kamerageräusch gehört habe. Er habe verstanden, dass es sich um Fotografen der Zeitschrift "Se og Hør" gehandelt habe. Das Magazin habe der Frau später rund 4.400 Euro für das Foto geboten. Er habe angenommen, sie "verkauft keinen Freund".
Im weiteren Verlauf wird Marius’ Stimme energischer, zugleich zeigt sich seine Nervosität körperlich. Als er ein Glas Wasser anhebt, zittert seine Hand deutlich.
Zur Partynacht auf Schloss Skaugum erklärt er, dass Gäste über den Kücheneingang eingelassen worden seien, um Begegnungen mit seiner Mutter und seinem Stiefvater zu vermeiden. Gefeiert worden sei im Keller. "Die After-Party war nichts Besonderes", sagt er. Es habe Trinkspiele gegeben.
Die "Skaugum-Frau" hatte ausgesagt, dass es auf einer Toilette kurz einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gegeben habe. Marius erklärt, er könne sich daran nicht erinnern. "Das heißt nicht, dass es nicht passiert ist", betont er. Anklagepunkte, wonach er die Frau später gefingert und dabei gefilmt haben soll, weist er zurück. "Ich kann mich nicht daran erinnern, Fotos oder Filme von ihr gemacht zu haben."
„Ich lese jeden einzelnen der hunderttausend Artikel“Marius Borg Høiby bei seiner Aussage an Tag 2
Er erinnert sich daran, dass sie sich später auf ein Sofa gelegt, sich geküsst und Sex gehabt hätten. "Ich erinnere mich nicht, sie gefingert zu haben oder so." Am Morgen sei es ihm unangenehm erschienen, gemeinsam zum Frühstück zu kommen. Er habe sie daher zum Wachpersonal gebracht, sie umarmt, anschließend sei sie abgefahren.
Staatsanwalt Sturla Henriksbø befragt Marius detailliert zu auf seinem Laptop gefundenen Fotos und Videos mit sexuellem Inhalt. Marius erklärt, er habe solche Inhalte bewusst in separaten Ordnern gespeichert, um sie nicht beim Durchscrollen privater Fotos sehen zu müssen. "Es war nie für jemand anderen als mich bestimmt", sagt er.
Auf die Frage, was Sex für ihn bedeute, antwortet Marius, dies sei situationsabhängig. Alles, was mit Geschlechtsorganen zu tun habe. Ohne direkte Berührung sei es kein Sex.
Vor ihm auf dem Tisch stehen eine Wasserkaraffe, eine Tasse, eine schwarze Snus-Dose und ein Notizbuch. Während der weiteren Befragung spricht er erneut über seinen Drogenkonsum und sein "extremes Bedürfnis nach Bestätigung". Er betont, wie belastend es für ihn sei, intime Details vor Publikum und Medien offenlegen zu müssen. "Ich lese jeden einzelnen der hunderttausend Artikel", sagt er.
Zur Beziehung mit der "Skaugum-Frau" erklärt Marius, sie sei nicht nur oberflächlich gewesen. Entgegen ihrer Aussage habe es bereits Jahre vor der fraglichen Nacht einvernehmlichen Sex gegeben.
Nach rund anderthalb Stunden bittet Marius um eine Pause. Die Verhandlung wird für 15 Minuten unterbrochen. Nach der Rückkehr trägt er statt des Pullovers ein beigefarbenes Hemd, ansonsten bleibt sein Erscheinungsbild unverändert.
Die Staatsanwaltschaft setzt die Befragung fort. Es geht erneut um die Party im Dezember 2018, um Erinnerungen, SMS-Nachrichten und den Konsum von Alkohol und Kokain. Marius bestätigt, dass Drogen konsumiert worden seien, vermutlich auch von anderen Gästen.
Auf Fragen zum Trinkspiel Flaschendrehen kann er keine genauen Regeln nennen. "Das habe ich mich selbst auch gefragt", sagt er, was kurz Gelächter im Saal auslöst.
Staatsanwalt Henriksbø erklärt, warum er wiederholt nach Erinnerungslücken fragt: Er wolle verstehen, wie Marius Erinnerungen verarbeitet und unterscheidet zwischen eigenen Erinnerungen und Informationen aus Medienberichten.
Auf die Frage, ob die "Skaugum-Frau" wach gewesen sei, als sie Sex gehabt hätten, antwortet Marius eindeutig mit Ja. "Ich schlafe nicht mit Frauen, die nicht wach sind", sagt er. Obwohl er sich nicht an alle Details erinnern könne, sei er sicher, dass sie bei Bewusstsein gewesen sei.
Als ihm erneut dieselben Fragen gestellt werden, reagiert Marius zunehmend gereizt. "Das habe ich doch schon eine Million Male erklärt", sagt er hörbar erschöpft.