Jerusalem hat eine unvergleichliche Aura. Kaum eine Stadt der Welt ist religiös und kulturell derart aufgeladen – und zugleich seit Jahrzehnten politisch so umkämpft wie die Heilige Stadt.
In der 1-Millionen-Einwohnerstadt leben Christen, arabische Moslems und ultraorthodoxe Juden seit eh und je zusammen. Besonders die Jerusalemer Altstadt hat eine Sonderstellung. Sie ist in vier Viertel unterteilt, in denen die teils stark unterschiedlichen Kulturen eng nebeneinander leben: Das christliche Viertel, das jüdische Viertel, das muslimische Viertel und das armenische Viertel.
Und mitten in diesem Konglomerat findet sich ein Stück Österreich: An der Via Dolorosa im muslimischen Viertel liegt das Österreichische Pilger-Hospiz zur Heiligen Familie. Die im Jahr 1854 gegründete Herberge in der Via Dolorosa im muslimischen Viertel ist das älteste nationale Pilgerhaus im Heiligen Land. Maßgeblich beteiligt war damals Kaiser Franz Joseph I., der das Hospiz 1869 auch selbst besuchte.
Das "Klein-Österreich" inmitten der Altstadt verbindet die Wiener Kaffeehauskultur mit historischer Pilgerunterkunft. "Heute" traf Hausleiter Rektor Franz Xaver Brandmayr und Gästehaus-Manager Lucas Johannes Maier zu einem Gespräch.
Für Rektor Franz Xaver Brandmayr ist es der erste Einsatz in Jerusalem. Zuvor war er unter anderem in Rom und Wiener Neustadt tätig. Was ihn an der Stadt besonders beeindruckt, ist die Energie der Menschen – unabhängig davon, ob es sich um Juden oder Palästinenser handelt.
"Die Menschen hier wollen Frieden", sagt Brandmayr. Gerade im Vergleich zu Österreich werde einem schnell bewusst, wie unterschiedlich Alltagssorgen sein können. Während man sich hierzulande darüber ärgere, wenn sich etwa die Farbe einer Tablette ändere und dafür gleich die Regierung verantwortlich gemacht werde, gehe es in Jerusalem oft um wesentlich grundlegendere Fragen.
„Man muss immer das Gute im Menschen sehen.“Rektor Franz Xaver Brandmayr
Vor Ort spüre man dennoch viel Lebenswillen und Zusammenhalt. "Man muss das Gute im Menschen sehen", sagt der Rektor. Genau dazu wolle auch das Hospiz beitragen. "Wir versuchen hier, ein kleines Stück Frieden zu schaffen." Selbst nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober blieb das Kaffeehaus des Hospizes geöffnet. Für Brandmayr war das ein bewusstes Zeichen: Der Geist des Zusammenlebens müsse gerade in schwierigen Zeiten sichtbar bleiben. "Wir haben immer miteinander geredet. Das ist das Wichtigste."
Dass langsam wieder mehr Normalität einkehrt, zeigt sich auch an den Gästezahlen. Noch vor einiger Zeit war die Auslastung teilweise einstellig, inzwischen gehe es "von Woche zu Woche bergauf". Im Oktober liegt die Zimmerauslastung laut Gästehaus-Manager Lucas Johannes Maier bereits bei rund 40 Prozent. "Letzte Woche ist es richtig rundgegangen", erzählt er.
Die vergangenen Jahre waren für das Hospiz dennoch schwierig. Nach dem 7. Oktober sei vor allem das Vertrauen vieler Reisender weggebrochen. Die größte Herausforderung bestehe deshalb darin, potenziellen Gästen zu vermitteln, wie sicher man sich vor Ort fühle und dass man sich in Jerusalem grundsätzlich frei bewegen könne. Die unmittelbaren Folgen habe das Hospiz vor allem wirtschaftlich zu spüren bekommen, so der Manager.
"Das Vertrauen war komplett weg und ist bis heute beschädigt", sagt Maier. Gleichzeitig funktioniere der Alltag in der Stadt weitgehend normal. Die Jerusalemer Altstadt beschreibt er sogar als einen der sichersten Orte überhaupt.
Österreich selbst werde in Jerusalem heute überwiegend positiv wahrgenommen, erzählt Brandmayr. Gerade bei jüngeren Menschen habe sich das Bild verändert. Bei älteren Generationen sei das aufgrund der Erfahrungen mit dem Holocaust lange anders gewesen.
Wie sehr das Hospiz als europäischer Ort wahrgenommen wird, zeigte sich auch während der Corona-Pandemie. Damals kamen auffallend viele israelische Gäste ins Haus. Für viele sei das Hospiz mit seiner österreichischen Atmosphäre ein Stück Europa mitten in Jerusalem gewesen. Heute kann übrigens jeder ein Zimmer buchen, die strengen Regeln in der Vergangenheit (z.B. Vorweisung eines Trauscheins) gelten nicht mehr.
Seit dem 7. Oktober registriert das Hospiz zudem mehr muslimische Gäste, besonders während des Ramadan. Das entspricht auch dem Selbstverständnis des Hauses: Menschen unterschiedlicher Religionen und Herkunft sollen hier zusammenkommen. Das zeigt sich nicht nur bei den Gästen, sondern auch beim Personal. Christen und Muslime, Israelis und Palästinenser arbeiten im Hospiz Seite an Seite. "Das funktioniert reibungslos", sagt Maier.
Unterstützt wird das Team derzeit von acht jungen Freiwilligen aus Österreich und Deutschland – zwei Zivildienern und sechs Volontärinnen. "Weitere Bewerbungen sind ausdrücklich willkommen", betont das Manager abschließend.