Die EU-Kommission setzt auf eine umstrittene Idee: Hunderte kleine Atomkraftwerke sollen in den kommenden Jahrzehnten quer über Europa entstehen. Die sogenannten "Small Modular Reactors", kurz SMR, werden als schnelle Lösung für Klimaziele und Energiesicherheit verkauft. Doch der Widerstand wächst.
Vor allem Umweltorganisationen schlagen Alarm. Sie sehen in den Mini-Meilern keinen Fortschritt, sondern einen gefährlichen Schritt zurück. Kritiker sprechen von einem politischen Experiment, das an der Realität vorbeigehe. Denn bislang existiert in Europa kein einziges genehmigtes oder gebautes SMR-Projekt.
Besonders stark treibt Frankreich das Thema voran. Präsident Emmanuel Macron gilt als einer der größten Befürworter der Atom-Offensive. Auch Großbritannien setzt auf die neue Reaktor-Generation. Industrie-Konzerne wittern Milliardengeschäfte, doch auf dem Boden der Tatsachen bleibt vieles vage.
"In den vergangenen drei Jahrzehnten sind in Europa genau drei neue Atomkraftwerke ans Netz gegangen - mit gigantischen Kosten und teils langen Bauverzögerungen", sagt Atom-Sprecherin Patricia Lorenz von Global 2000. Wie und wo plötzlich Hunderte Mini-Meiler entstehen sollen, sei völlig unklar - der EU-Plan sei nichts als ein "teures Hirngespinst".
Die EU-Kommission nennt drei Hauptargumente: Klimaneutralität, weniger Abhängigkeit von Russland und mehr Wettbewerbsfähigkeit. Kritiker zerlegen alle drei Punkte. Atomstrom werde immer teurer, während Wind- und Sonnenenergie laufend günstiger werden. Zudem benötigen viele SMR hochangereicherten Brennstoff, der fast ausschließlich aus Russland stammt.
Auch wirtschaftlich sei das Projekt riskant. Ohne massive Subventionen sei kein Mini-Meiler rentabel. Die Kosten würden am Ende bei den Steuerzahlern landen. Ein warnendes Beispiel liefert Frankreich selbst: Das SMR-Vorzeigeprojekt "Nuward" wurde bereits in der Entwicklungsphase wegen explodierender Kosten gestoppt.
Befürworter des "Atom-Comebacks im Kleinformat" schwärmen von einer Serienproduktion wie aus dem Baukasten. Doch die dafür nötigen Fabriken existieren bislang nur auf dem Papier, Genehmigungen, Sicherheitsfragen und Endlagerprobleme sind ungelöst. Währenddessen schreitet der Ausbau erneuerbarer Energien rasch voran.
Fakt ist: Die Mini-Meiler klingen modern und clever - doch bei genauerem Hinsehen bleibt von Europas Atom-Vision vorwiegend eines übrig: ein teures Versprechen mit vielen offenen Fragen.