Ruhig, freundlich, höflich und kompetent – so steht Louai Abdul Fattah (29) in seinem Geschäft Foto Soyka in der Praterstraße 42 (Leopoldstadt). Immer wieder unterbrechen Kunden das Interview, wollen Filme entwickeln oder Passfotos machen lassen. Auf die Frage, ob Louai schon immer Fotograf werden wollte, meint er nur lachend: "Meine ganze Familie besteht aus Fotografen. In Damaskus haben wir drei Fotostudios gehabt."
Als er 2015 als Flüchtling von Syrien nach Österreich kam, war für den heute 29-Jährigen bereits klar: "Ich will mein eigenes Fotostudio haben!" Vor zehn Jahren machte sich Louai von Damaskus aus auf den Weg nach Europa: "Ich musste – wegen dem Krieg. Sie wollten mich zum Militärdienst einziehen. Ich wollte einfach irgendwo hin, wo es sicher ist", erzählt er.
Doch das Geld für die Flucht reichte nicht für die ganze achtköpfige Familie – also machte sich der damals 18-Jährige allein mit seiner achtjährigen Schwester auf den Weg – zu Fuß: "Später kam dann noch mein Onkel dazu. Aber in Mazedonien wurden meine Schwester und er in Haft genommen. Sie saßen dort drei Monate fest."
Louai setzte seine Flucht fort – über Ungarn gelangte er in einem Transporter nach Österreich: "Wir waren sehr, sehr viele – eingepfercht im Wagen mit nur einem kleinen Loch zum Atmen. In der Nähe von Parndorf (Bgld.) hat uns der Fahrer rausgelassen und ist dann sofort weggefahren. Wir haben dann Autos auf der Autobahn gestoppt – auch eine Polizistin außer Dienst war dabei", erinnert sich der 29-Jährige.
„Ich wollte unbedingt die deutsche Sprache lernen! Ich war voll motiviert und neugierig“Louai Abdul Fattahkam 2015 aus Syrien nach Wien
Der Syrer kam ins Aufnahmezentrum nach Traiskirchen (NÖ), später dann nach Wien: "Als ich hier angekommen bin, war die Flüchtlingswelle gerade voll da. Ich habe mich dann bei 'Train of Hope' (eine privat initiierte Flüchtlingshilfe, Anm.) am Hauptbahnhof gemeldet und dort erst in der Küche und dann in der Kinderbetreuung gearbeitet." 2016 kam die restliche Familie (Eltern und Geschwister) nach.
Für Louai war von Anfang an klar: "Ich wollte unbedingt die deutsche Sprache lernen! Ich war voll motiviert und neugierig. Aber die Deutschkurse, die mir angeboten wurden, waren teilweise leider nicht gut. Deshalb habe ich mir dann selbst Deutschkurse gesucht. 2017 habe ich dann die B1-Prüfung (Mittelstufe, Anm.) gemacht."
Nach einer absolvierten Fotografie-Ausbildung in der Anzenberger Gallery wollte Louai eigentlich eine Fotografie-Lehre machen: "Aber es hieß überall: Für eine Lehre haben Sie schon zu viele Kenntnisse. Also habe ich eine Lehre als Bautechnikzeichner bei Franz&Sue Architekten in Favoriten gemacht. Danach habe ich dort bis 2025 als Bautechnikzeichner und Fotograf gearbeitet."
2019 meldete der 29-Jährige zudem ein Gewerbe als Fotograf an und betrieb ein Mini-Studio in Favoriten: "Dort habe ich Bewerbungs- und Pass-Fotos gemacht." Über seinen Bekannten Daniel Landau erfuhr er von einer Homepage der Wirtschaftskammer, auf der aufgrund von Pensionierungen Betriebsübernahmen aufgelistet werden.
„Ich wollte immer ein eigenes Fotostudio haben. Jetzt ist mein Traum wahr geworden“Louaihat jetzt sein eigenes Fotogeschäft
Louai meldete sich daraufhin bei Thomas Soyka, der sich nach 54 Jahren "in den Unruhestand zurückzieht" – nach mehreren Gesprächen übernahm er das Geschäft in der Praterstraße. Seit Jänner steht er hinter der Budel: "Vor zehn Jahren habe ich gesagt, dass ich einmal ein eigenes Fotostudio haben möchte. Jetzt ist mein Traum wahr geworden", freut sich der Wahl-Wiener.
Den Namen des Geschäftes hat der 29-Jährige der Einfachheit halber behalten: "Mal schauen, wie das Business läuft. Ich möchte mich auf jeden Fall nicht nur auf den Handel, sondern auch auf die Fotografie fokussieren. Aber das Wichtigst ist, dass ich meine Familie unterstützen kann."