In Favoriten

Bis zu 250.000 Euro – Wien bekommt Gastarbeiter-Denkmal

Wien setzt Gastarbeitern ein Denkmal: In Favoriten soll bis 2030 ein Erinnerungsort entstehen. Die Kosten werden auf bis zu 250.000 Euro geschätzt.
02.11.2026, 17:00
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Sie bauten Straßen, verlegten Schienen, errichteten Häuser und arbeiteten in Fabriken, Krankenhäusern und in der Reinigung: Zehntausende Gastarbeiter kamen ab den 1960er-Jahren nach Österreich und prägten die Entwicklung Wiens entscheidend mit. Jetzt soll ihre Geschichte mit einem eigenen Denkmal im öffentlichen Raum gewürdigt werden.

"Es wird ein Gastarbeiter-Denkmal geben", verkündete Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) bei einem Hintergrundgespräch. Gemeinsam mit der Volkshilfe Wien und dem Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds (waff) wurden die nächsten Schritte für das sogenannte "Gastarbajteri-Denkmal" vorgestellt.

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Savo Ristić ist gemeinsam mit Senol Grasl-Akkilic Initiator des Denkmals.
Denise Auer

Denkmal hinter dem Hauptbahnhof

Als möglicher Standort ist das Umfeld des Hauptbahnhofes im 10. Bezirk vorgesehen. Der genaue Standort wird derzeit noch geprüft. Die Wahl ist kein Zufall: Für viele Gastarbeiter war der damalige Südbahnhof der erste Ankunftsort in Wien. Hier trafen sie Angehörige und Freunde, suchten Arbeit oder hielten Kontakt zu ihren Herkunftsländern.

Die Fertigstellung des Denkmals ist spätestens bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode im Jahr 2030 geplant. Wie es aussehen wird, steht noch nicht fest. Ein künstlerischer Wettbewerb soll darüber entscheiden.

Kosten auf bis zu 250.000 Euro geschätzt

Die Initiative geht auf Savo Ristić und Senol Grasl-Akkilic zurück, die sich bereits seit Jahren für eine öffentliche Würdigung der Gastarbeitergeneration einsetzen. Erste Gespräche dazu fanden schon 2019 und 2020 statt, die Corona-Pandemie verzögerte das Vorhaben.

Die Kosten werden derzeit auf 150.000 bis 250.000 Euro geschätzt. Die Finanzierung soll durch die Stadt Wien und die Zivilgesellschaft erfolgen. Während die Kulturabteilung der Stadt (MA 7) das Wettbewerbsverfahren finanziert, sollen für die Errichtung des Denkmals vor allem Spenden gesammelt werden.

Projekt durch Spenden finanziert

Geplant sind unter anderem Bausteinaktionen, an denen sich auch Privatpersonen mit kleineren Beträgen beteiligen können. Zudem hoffen die Initiatoren auf Unterstützung durch große Unternehmen und die Sozialpartner, darunter ÖGB und Wirtschaftskammer. Erste Gespräche dazu wurden bereits geführt. Finanzielle Unterstützung erhielt die Initiative laut Volkshilfe Wien auch durch den "Guten Rat für Rückverteilung".

Der Zeitplan steht bereits: 2027 soll ein wissenschaftlicher Beirat seine Arbeit aufnehmen und das Projekt fachlich begleiten. Für 2028 ist der künstlerische Wettbewerb durch Kunst im öffentlichen Raum (KÖR) vorgesehen. 2029 sollen die Juryentscheidung und danach die Umsetzung folgen.

"Unsere Geschichte ist sichtbar und unsichtbar"

Für die Initiatoren ist das Denkmal ein lange erwartetes Zeichen der Anerkennung. "Unsere Geschichte ist zugleich sichtbar und unsichtbar", erklärte Senol Grasl-Akkilic. Die Leistungen der Gastarbeiter seien zwar in Straßen, Schienen und Gebäuden bis heute sichtbar, ihre Geschichte aber vielfach nicht schriftlich festgehalten worden.

Senol Grasl-Akkilic will, dass die Geschichte der Gastarbeiter auch schriftlich festgehalten wird.
Denise Auer

Grasl-Akkilic erinnert sich auch an seine eigene Kindheit: Ende der 1970er-Jahre lebte seine Familie zu fünft in einer kleinen Wohnung mit Zimmer und Küche in Wien-Penzing. Nicht einmal kaltes Fließwasser habe es dort gegeben. Deutschkurse seien damals ebenfalls nicht angeboten worden.

Gemeinsame Erinnerungskultur

Das Denkmal soll deshalb nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern auch eine gemeinsame Erinnerungskultur schaffen. "Unsere Eltern sind gekommen, um zu arbeiten. Sie sind geblieben und haben dieses Land mitgestaltet. Ihre Geschichte gehört zur Geschichte Österreichs. Dass wir dem Denkmal jetzt einen wichtigen Schritt näherkommen, bedeutet für uns und viele Familien sehr viel", betonen Savo Ristić und Senol Grasl-Akkilic.

Auch Volkshilfe-Wien-Geschäftsführerin Tanja Wehsely sieht in dem Projekt einen wichtigen Schritt. "Wer über den Wohlstand Österreichs spricht, muss auch über die Menschen sprechen, die ihn mit erarbeitet haben. Über Generationen sind Menschen hierhergekommen, um zu arbeiten und sich ein Leben aufzubauen. Ihre Arbeit und ihre Lebensgeschichten sind im öffentlichen Raum noch zu wenig sichtbar. Das Denkmal soll ihnen den Platz in unserer Erinnerung geben, der ihnen zusteht", so Wehsely.

Volkshilfe-Wien-Geschäftsführerin Tanja Wehsely betonte, dass das Denkmal den Gastarbeitern Platz in unserer Erinnerung geben soll.
Denise Auer

Alt-Bürgermeister unterstützt Vorhaben

Die Volkshilfe Wien beschäftigt selbst Menschen aus rund 60 Nationen und unterstützt das Projekt durch ihre Community Work. Dabei engagieren sich Freiwillige, die gemeinsam mit ihren Communitys Ideen für die Stadt entwickeln und umsetzen.

Auch der frühere Wiener Bürgermeister und heutige Volkshilfe-Wien-Präsident Michael Häupl unterstützt das Vorhaben: "Die Menschen, die hier gearbeitet und sich ein Leben aufgebaut haben, gehören zu Österreich und zu seiner Geschichte. Dieses Denkmal bringt unseren Dank und unseren Respekt für ihren Beitrag zur Entwicklung des Landes zum Ausdruck."

Auch Frauen Teil der Geschichte

Wie stark die Arbeitsmigration Wien geprägt hat, verdeutlichte waff-Geschäftsführer Marko Miloradović anhand aktueller Zahlen. Von den mehr als 946.000 Beschäftigten in Wien habe rund die Hälfte einen Migrationshintergrund.

Auch seine eigene Familie ist Teil dieser Geschichte: Seine Großeltern kamen Ende der 1960er-Jahre nach Innsbruck, sein Vater wurde später nachgeholt. Miloradović erinnerte zudem daran, dass die Gastarbeitergeneration keineswegs ausschließlich aus Männern bestand. Auf 100 männliche Gastarbeiter kamen nach seinen Angaben 82 Frauen. Viele arbeiteten in der Pflege, Reinigung und anderen wichtigen Bereichen.

waff-Geschäftsführer Marko Miloradović zeigte ein Foto seiner Eltern, die Ende 1960er-Jahren nach Österreich kamen.
Denise Auer

Wien als vielfältige Metropole

"Heute haben die Hälfte aller erwerbstätigen Wienerinnen und Wiener im Ausland geborene Eltern", erklärte Miloradović. Angesichts des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung sei es wichtig, in die Aus- und Weiterbildung aller Wiener zu investieren.

Kulturstadträtin Kaup-Hasler betonte, dass Wien durch die Arbeitsmigration zu einer vielfältigen Metropole geworden sei. "Wer die Geschichte Wiens erzählt, muss auch jene Menschen sichtbar machen, die über Jahrzehnte hinweg zu ihrer Entwicklung beigetragen haben, ohne dass ihre Erfahrungen immer die entsprechende Anerkennung gefunden haben."

Drei Gastarbeiter-Abkommen

Der Anlass für das Denkmal ist ein historisches Jubiläum: Vor 60 Jahren, im Jahr 1966, schloss Österreich mit dem damaligen Jugoslawien ein Anwerbeabkommen. Es war allerdings nicht das erste seiner Art.

Bereits 1962 hatte Österreich ein entsprechendes Abkommen mit Spanien geschlossen, das in der Praxis kaum Bedeutung erlangte. 1964 folgte ein Abkommen mit der Türkei, zwei Jahre später jenes mit Jugoslawien. Beide wurden zu wichtigen Grundlagen der Arbeitsmigration nach Österreich.

Viele Gastarbeiter blieben in Österreich

Hintergrund war der Wirtschaftsaufschwung und der steigende Bedarf an Arbeitskräften. Die ausländischen Beschäftigten sollten ursprünglich nur vorübergehend in Österreich arbeiten und danach wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Doch viele blieben dauerhaft, gründeten Familien oder holten ihre Angehörigen nach.

Neben dem Denkmal soll im Sonnwendviertel ein eigener Bildungsraum entstehen, der von der Volkshilfe Wien betrieben werden soll. Dort sollen künftig Workshops, Seminare und Veranstaltungen zur Geschichte der Arbeitsmigration stattfinden – auch für Schulklassen. Eine eigene Homepage soll über das Angebot informieren.

Denkmal soll Botschaft vermitteln

Die Initiatoren wollen damit erreichen, dass die Geschichte der Gastarbeiter nicht nur wissenschaftlich aufgearbeitet, sondern auch an kommende Generationen weitergegeben wird. Das Denkmal soll nach den Worten von Wehsely eine klare Botschaft vermitteln: "Wir sind Teil dieser Stadt und stolz darauf."

cz, 02.11.2026, 17:00
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