"Liebe Bewohnerinnen und Bewohner unserer Marktgemeinde! Aufgrund der derzeitig katastrophalen Finanzlage sehen wir uns heuer nicht imstande, unsere Straßen von einer Firma reinigen zu lassen." Das schrieb kürzlich der Bürgermeister der niederösterreichischen Marktgemeinde Ringelsdorf-Niederabsdorf, Peter Schaludek (SPÖ), an die Einwohner.
In dem kleinen Ort im nordöstlichen Weinviertel lebten zuletzt 1.282 Personen. Laut Statistik Austria nahm die Zahl der Arbeitsplätze in den letzten eineinhalb Jahrzehnten kontinuierlich ab: Wie die jüngste Erfassung der ansässigen Betriebe zeigt, gibt es nur drei Unternehmen mit mehr als 10 Beschäftigten, 461 der 528 Arbeitstätigen pendeln zum Arbeitsplatz – oder, anders ausgedrückt, nahezu neun von zehn Personen. 2024 betrugen die Passiva der Gemeinde rund 8 Millionen Euro.
Angesichts dieser Situation nimmt sich der Bürgermeister kein Blatt vor den Mund: "Das bedeutet, wir sind auf jede einzelne Mithilfe angewiesen." Und er bittet: "Kehrt entlang eures Grundstücks den Streusplitt auf einen größeren oder mehrere kleine Haufen. Am Samstag, den 21. März 2026, wird der CLUB 2 (Unabhängiger Gemeinschaftsverein, Anm.) am Vormittag diese einsammeln und entsorgen." Schaludek ist selbst Obmann des Vereins und organisiert die angekündigte entgeltlose Freiwilligenarbeit.
"Heute" hat mit dem engagierten Politiker gesprochen. Schaludek ist seit 2014 Bürgermeister und seit 2000 im Gemeinderat aktiv. Schon als er die Agenden der Gemeinde übernahm, war diese verschuldet: "Ringelsdorf-Niederabsdorf war eine Sanierungsgemeinde, als ich angefangen habe", sagt Schaludek. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass sich das nach seiner Übernahme schnell geändert hat: "Wir haben die Gemeinde aus der Sanierung herausgebracht", bestätigt Schaludek.
Man habe es jahrelang geschafft, Rücklagen zu bilden, doch das sei jetzt vorbei. Dann mischt sich Bitterkeit in seine Stimme: "Die Aufgaben und Ausgaben steigen Jahr für Jahr, die Einnahmen werden aber weniger. Wir bekommen beispielsweise nur rund 30.000 Euro an Kommunalabgaben von Unternehmen." So lasse sich keine Gemeinde finanzieren.
Deshalb ruft der SP-Politiker in seinem Brief zur Solidarität auf: "Im Sinne einer sauberen Gemeinde bitte ich um Zusammenarbeit. Auch vielleicht, wenn der Nachbar oder die Nachbarin nicht mehr in der Lage ist, ihren Straßenabschnitt zu kehren. Ich bin überzeugt davon, dass wir es gemeinsam schaffen werden."
Gegenüber "Heute" erklärt Schaludek dazu: "Mit unserer Aktion sparen wir dieses Jahr sechs bis siebentausend Euro. Die Rückmeldungen der Bürgerinnen und Bürger waren durchwegs positiv, denn wir legen offen, wo die Probleme liegen und was wir tun." Den CLUB 2 gäbe es seit 27 Jahren, erzählt der Politiker. Ob er am 21. März selbst Hand anlege, wollte "Heute" wissen. Dazu Schaludek: "Natürlich bin ich als Obmann selbst dabei."
Die goldenen Tage von Ringelsdorf-Niederabsdorf sind lange vorbei: "Hier im Dreiländereck, unweit der tschechischen Grenze und nahe der March, die als natürliche zur Slowakei fungiert, sind wir schon lange von Ausgleichszahlungen durch Bund und Land abhängig", erklärt Schaludek.
Früher habe man Schulden für große Projekte, wie eine Schule, einen Kindergarten oder für den Straßenbau aufgenommen – und auch abbezahlt. Heute entstünden die Schulden "völlig ohne neues Projekt, rein durch die laufenden Kosten." Mit Unterstützung vom Land rechnet Schaludek nicht mehr: "Bei einem Gespräch mit unserer Landeshauptfrau Mikl-Leitner, hat sie mir verraten, dass sie selbst kein Geld mehr hat."
Sonnenstrom oder Windräder, die schon so mancher Gemeinde das Budget aufgebessert haben, könne es nicht geben, sagt Schaludek: "Rund um die March besteht strenger Naturschutz, dem auch unsere Gemeinde verpflichtet ist." Dann hat er einen Vorschlag: "Es ist gut und wichtig, dass wir die Natur weiterhin streng schützen. Dafür wünschen wir uns eine Ausgleichszulage für unsere Gemeinde."