"Jeder muss eigenen Weg gehen"

Christian Wehrschütz packt über ORF-Abschied aus

Christian Wehrschütz gibt Ende Oktober die ORF-Büroleitung ab und geht mit Jahresende in Pension. Nun zieht der Korrespondent Bilanz.
André Wilding
05.10.2026, 09:31
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Für Christian Wehrschütz beginnt in wenigen Wochen ein neuer Lebensabschnitt. Ende Oktober gibt der langjährige ORF-Korrespondent die Büroleitung ab, mit Jahresende geht der gebürtige Grazer in Pension. Am 9. Oktober feiert er zuvor seinen 65. Geburtstag.

An eine große Geburtstagsparty denkt Wehrschütz allerdings nicht. "Partytiger bin ich nicht. Am 9. Oktober fahre ich zurück in die Ukraine, daher feiern wir am 20. Oktober, bevor der endgültige Korrespondentenabschied beginnt", sagt Wehrschütz im Gespräch mit der APA.

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"Ich habe gemischte Gefühle"

Der bevorstehende Abschied fällt ihm nicht nur leicht. "Ich habe gemischte Gefühle. Auf der einen Seite bin ich der Meinung, dass Korrespondent zu sein das Schönste ist, was einem als Journalist passieren kann. Auf der anderen Seite ist es dann doch nach einer gewissen Zeit angenehm, nicht für jeden 50-Sekünder im Radio parat stehen zu müssen. Die Situation in der Ukraine wird auch immer unkalkulierbarer. Meine Familie freut sich außerordentlich, dass dann die Angst wegfällt", erklärt der 64-Jährige gegenüber der APA.

Ans Aufhören habe er trotz der Gefahren nie gedacht. Wie sehr seine Einsätze auch seine Familie belasteten, sei ihm erst durch das Vorwort seiner jüngeren Tochter für sein neues Buch richtig bewusst geworden.

Wehrschütz erinnert dabei an einen Raketeneinschlag in seinem Hotel in Nikopol im Jahr 2022 und einen Drohnenangriff auf sein Auto im November 2025.

"Meine Frau hat immer gesagt: "Baldrian und Gottvertrauen". Wir sind aber der Ansicht, dass für einen Menschen eine Lebensuhr gilt. Nehmen Sie das Beispiel Michael Schumacher. Er ist vielfacher Formel 1-Weltmeister. Dann geht er Ski fahren, hat einen Helm auf und fällt mit dem Kopf auf den einzigen Stein, den es dort gibt. Seit damals war er nicht mehr gesehen. Man hat schon das Gefühl, dass es Dinge gibt, die jenseits der Planbarkeit liegen", sagt er zur APA.

Eigentlich wollte er nach Moskau

Schon früh stand für Wehrschütz fest, dass er Korrespondent werden wollte. Ursprünglich habe ihn Moskau gereizt. Als ihm diese Möglichkeit tatsächlich angeboten wurde, entschied er sich jedoch dagegen, weil er die Ukraine und den Balkan nicht aufgeben wollte.

Dass er schließlich aus Kriegsgebieten berichtete, sei nicht sein ursprünglicher Berufswunsch gewesen.

"Ich bin nicht Kriegs- oder Krisenreporter geworden. Ich bin Korrespondent des ORF, den das Schicksal dahingehend ereilt hat, dass es dort, wohin er entsandt wurde, Kriege gibt. Ich habe mich diesen Kriegen gestellt und darüber so gut wie möglich berichtet", stellt Wehrschütz in dem APA-Interview klar.

Einsätze bereut er nicht

Rückblickend gebe es keinen Einsatz, den Wehrschütz bereue. Allerdings habe sich die Gefahr verändert. Im Mazedonien-Krieg 2001 habe er noch abschätzen können, wo das sichere Hinterland beginne.

"Das gibt es im Ukraine-Krieg heute nicht mehr. Wir reden von Todeszonen. Die Ausweitung des Drohnen- und Raketenkrieges auf beiden Seiten hat dazu geführt, dass man immer häufiger zur falschen Zeit am falschen Ort sein könnte. Man kann in einer Stadt zehn oder auch 30 Kilometer hinter der Front sein und die Drohnen können trotzdem einschlagen. Das macht die gesamte Berichterstattung gefährlicher und unberechenbarer", so Wehrschütz.

Die Berichterstattung über die Ukraine übernimmt künftig Paul Krisai aus dem Budapest-Büro. Ratschläge will Wehrschütz seinem Nachfolger nicht ungefragt erteilen.

"Ich gebe niemandem etwas mit auf den Weg. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Wenn man etwas wissen möchte, kann man mich gerne anrufen. Aber ich bin sicherlich nicht einer der beiden alten Muppets vom Balkon, die Zurufe erteilen", erklärt der ORF-Korrespondent.

Warnung vor KI und Deepfakes

Auch die zunehmende Verbreitung von Künstlicher Intelligenz und Deepfakes sieht Wehrschütz als Herausforderung für den Journalismus.

Wehrschütz zur APA: ""Man muss noch viel mehr aufpassen. Wir konnten viele Fehler vermeiden, weil wir gesehen haben, wie sehr versucht wird, mit KI bzw. Deepfakes Geschichten zu konstruieren. Ich weiß nicht, ob wir journalistisch insgesamt dagegen gewappnet sind. Das ist eine große Herausforderung - auch für die Demokratie. Mein Prinzip war immer: Ich muss nicht der Erste mit einer Meldung sein. Weil dann muss ich auch nicht der Erste sein, der sie dementiert."

Auch Konflikte mit ukrainischen Behörden begleiteten seine Arbeit. Wehrschütz war mit einem Einreiseverbot und dem Entzug seiner militärischen Akkreditierung konfrontiert. Den Vorwurf, auf der Seite Russlands zu stehen, hatte er wiederholt als "Schwachsinn" bezeichnet.

Seine Haltung zu Akkreditierungen ist klar. "Akkreditierungen sind ein zweischneidiges Schwert. Sie geben Journalisten Sicherheit. Man ist angemeldet und hat ein Papier in der Hand. Aber sie sind auch Herrschaftsinstrumente zur Informationskontrolle. Ich habe mich in meiner Berichterstattung nicht beeinflussen lassen und sage: Besser keine Akkreditierung und dafür kann ich immer noch in den Spiegel schauen", sagt Wehrschütz zur APA.

Neues Buch erscheint im November

Ganz von der Bildfläche verschwinden will Wehrschütz nach seiner Pensionierung nicht. Anfang November erscheint sein neues Buch "Heimkehr. Aufbruch in ein unentdecktes Land". Darin zieht er Bilanz über seine Jahre am Balkan und seine Erfahrungen in der Ukraine. Auch seine Familie kommt darin zu Wort.

Weitere Bücher sollen folgen. Zunächst warten aber auch private Aufgaben auf den langjährigen Korrespondenten. Er will seine Bibliothek ordnen, im Wochenendhaus arbeiten und nach den vielen Jahren der Trennung mehr Zeit mit seiner Frau, seinen Töchtern und seiner Enkelin verbringen.

Für diesen neuen Lebensabschnitt nimmt Wehrschütz zwei Sätze des früheren ORF-Generalintendanten Gerhard Weis mit: "Die Enkel sind Gottes zweite Chance." Und: "Der Friedhof ist voller Unersetzlicher."

wil,05.10.2026, 09:31