Berichte über mögliche Verbindungen des Deradikalisierungsvereins Derad zur Muslimbruderschaft haben die Debatte über islamistische Bewegungen in Österreich neu entfacht. Aus dem Grund hat etwa die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) die Zusammenarbeit mit dem Verein beendet – "Heute" berichtete.
Diese Entwicklungen seien gezielte Versuche islamistischer Bewegungen, den Staat zu unterwandern, sagt Historiker Heiko Heinisch im "Presse"-Interview. Solche Organisationen hätten das Ziel, muslimische Gemeinschaften zu beeinflussen und diese von der Gesellschaft zu entfremden.
Die Muslimbruderschaft sei mit dieser Strategie "sehr erfolgreich", findet Heinisch. Es gebe viele Vorfeldorganisationen, wodurch sie den Charakter einer "islamischen Graswurzelbewegung" angenommen habe. "Dadurch konnte sie ihre Ideologie in den Mainstream des Islam hineintragen und über Lobbyarbeit bereits Einfluss auf die Politik europäischer Staaten ausüben", so der Historiker.
Zwar sei die Muslimbruderschaft in Österreich personell nicht stark vertreten, sie habe allerdings in Europa sehr früh Einfluss auf den organisierten Islam genommen. Laut Heinisch ließen sich in der Gründungsgeschichte der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) Muslimbrüder identifizieren, die involviert gewesen sein sollen. "Und heutzutage ist die IGGÖ sehr stark durchdrungen von der Millî-Görüş-Bewegung, die der Ideologie der Muslimbruderschaft sehr nahesteht."
Auch in der politischen Landschaft habe es ähnliche Verbindungen gegeben. "Wir hatten in Österreich Fälle, bei denen Personen mit klarem Bezug zur Millî-Görüş-Bewegung Parteifunktionäre wurden", erklärt der Historiker. Hier seien Parteien und der Staatsapparat in der Verantwortung, genauer hinzuschauen.
Kritisch blickt Heinisch auf die mangelnden Sicherheitsüberprüfungen im Förderbereich: "Letztlich ist es so, dass wir sowohl auf kommunaler als auch auf europäischer Ebene Organisationen mit hohen Geldbeträgen fördern, die gegen unsere Demokratie arbeiten." Aus seiner Sicht schaue man zwar bei Rechtsextremen genau hin, nicht aber im legalistisch-islamistischen Bereich.
Die Entwicklungen sind jedenfalls alarmierend: "Das gesamte Bildungssystem ist im Visier politisch-islamischer Akteure. Die Schulen sind das Experimentierfeld für sie", so Heinisch. Die Akteure könnten dort darauf hinwirken, dass islamische Regeln, Gebote und Verbote normalisiert werden.
Laut dem Historiker gehe es dabei einerseits um Lehrinhalte, aber auch um Aspekte wie das Kopftuch, den Ramadan oder Gebetsräume. "Kinder, die heute in Favoriten in die Schule gehen, wachsen damit auf, dass es muslimische Kinder gibt, für die in gewisser Weise andere Regeln gelten als für sie."