Der Fall des Kabarettisten Günther Paal alias "Gunkl" sorgt seit zwei Tagen für Entsetzen. Der 64-Jährige hat in einem auf Facebook veröffentlichten Video selbst eingeräumt, ein Kind an einer Stelle geküsst zu haben, "an der Erwachsene Kinder nicht küssen dürfen". Bereits vor Wochen hatte Paal Selbstanzeige erstattet. Gegen Paal wurde Anklage wegen des sexuellen Missbrauchs einer Unmündigen und wegen des Besitzes von Missbrauchsdarstellungen erhoben. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Paal sagte in dem Video, er bedaure zutiefst, was er getan habe. Er sprach auch von Videomaterial auf seinen Rechnern und erklärte, es habe eine Phase gegeben, "da hatte ich Lust auf solche Videos". Bei einer Hausdurchsuchung wurden laut den bisherigen Angaben 19 Videos und 960 Bilddateien mit Missbrauchsdarstellungen sichergestellt. Die Vorwürfe reichen teilweise Jahre zurück. Im Zusammenhang mit dem Fall sind auch die Mutter und die Großmutter des betroffenen Mädchens angeklagt.
Ihnen wird schwere Erpressung vorgeworfen. Im Raum steht eine Summe von 189.000 Euro. Paal hatte nach den bisherigen Angaben im Mai Selbstanzeige erstattet. Die strafrechtlichen Vorwürfe gegen alle Beteiligten sind noch nicht rechtskräftig. Auch beruflich hat der Fall Konsequenzen. Der ORF erklärte, derzeit keine aktuelle Zusammenarbeit mit Paal zu haben. Geplante Auftritte wurden abgesagt. Gleichzeitig rückt eine andere Frage in den Mittelpunkt: Was passiert mit einem Kind, das sexuellen Missbrauch erlebt hat?
Darüber sprach die Kinder- und Jugendpsychiaterin Kathrin Sevecke im ORF. Sie macht zunächst deutlich, dass Eltern nicht nach einem einzelnen eindeutigen Zeichen suchen sollten. "Es gibt nicht das typische Missbrauchssyndrom bei Kindern", sagt sie. Mögliche Hinweise können laut Sevecke Albträume, Veränderungen beim Spielen, auffälliges Verhalten, Konzentrationsprobleme oder Bauchschmerzen sein. Gerade bei kleinen Kindern könne es zu Entwicklungsrückschritten kommen.
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Ein Kind, das bereits trocken war, könne etwa wieder einnässen. Auch Fähigkeiten, die erlernt wurden, könnten verloren gehen. Das Problem: Kein einzelnes dieser Symptome beweist einen sexuellen Missbrauch. Sevecke betont, dass solche Veränderungen auch andere Ursachen haben können. Entscheidend sei deshalb das Gesamtbild. Häufig trete eine Kombination mehrerer Auffälligkeiten über einen längeren Zeitraum auf. Fachleute mit entsprechender Ausbildung könnten daraus "einen Verdacht oder sogar eine Wahrscheinlichkeit" ableiten.
Sevecke rät Eltern ausdrücklich davon ab, ein Kind immer wieder mit Fragen zu einem möglichen Missbrauch zu konfrontieren. Die genaue Befragung solle Fachleuten überlassen werden. Wichtiger sei es, das Verhalten des Kindes genau zu beobachten. Auch Äußerungen sollten möglichst genau festgehalten werden. Für die spätere Arbeit von Experten, aber auch für Polizei oder Sachverständige vor Gericht könne es wichtig sein, was ein Kind gesagt hat und unter welchen Umständen es etwas erzählt hat.
Gerade bei kleinen Kindern sei die Situation besonders schwierig. "Das ist ein massiver Eingriff in die Seele des Kindes", sagt Sevecke. Je jünger ein Kind sei, desto unspezifischer könnten die Symptome ausfallen. Gleichzeitig werde dadurch auch die Behandlung schwieriger. Was Kinder nach einem solchen Erlebnis vor allem brauchen, beschreibt die Expertin mit einem einfachen Begriff: "einen sicheren Ort". Es brauche Menschen, die dem Kind vermitteln, dass es Erwachsene gibt, denen es vertrauen kann.
Eine wichtige Rolle spielt für Sevecke auch die Prävention. Kinder müssten lernen, zwischen verschiedenen Arten von Geheimnissen zu unterscheiden. "Man darf Geheimnisse haben. Den Geburtstagskuchen für die Mama zu backen ist ein Geheimnis, das bewahrt werden darf. Aber bestimmte Geheimnisse sind nicht gut und die darf man auch erzählen." Das sei gerade dann wichtig, wenn ein Kind innerhalb des Bekanntenkreises oder der Familie mit einem Verhalten konfrontiert werde, das ihm seltsam vorkommt.
Es müsse wissen, dass es sogenannte "schlechte Geheimnisse" gibt, über die es sprechen darf. Ebenso wichtig sei die Botschaft, dass Erwachsene nicht immer alles richtig machen. Kinder und Jugendliche müssten außerdem wissen, dass ihr Körper ihnen gehört. Das könne helfen, Grenzen zu erkennen und darüber zu sprechen. Sexueller Missbrauch ist laut Sevecke kein einheitliches Geschehen. Es gebe "ein ganz weites Feld" unterschiedlicher Formen. Je schwerer die Form des Übergriffs sei, desto wahrscheinlicher seien Spätfolgen.
Diese müssten nicht unmittelbar nach dem Erlebnis auftreten. Manche Folgen könnten erst Jahre oder sogar Jahrzehnte später sichtbar werden. Bestimmte Lebensereignisse könnten alte traumatische Erfahrungen wieder in Erinnerung rufen. Dazu zählt Sevecke etwa eine Partnerschaft, die eigene Sexualität, eine Eheschließung oder auch die Geburt eines eigenen Kindes. Das macht auch deutlich, warum Opferschutz nicht mit dem Ende eines einzelnen Verfahrens abgeschlossen ist.
Ein Kind kann ein traumatisches Erlebnis lange mit sich tragen, auch wenn nach außen kaum etwas zu erkennen ist. Auch die oft diskutierte These, wonach Opfer von sexuellem Missbrauch später selbst Täter werden, wurde angesprochen. Sevecke stimmt dieser Aussage zu, schränkt sie aber zugleich ein. Eine Kombination aus biografischen Erfahrungen und eigenen traumatischen Erlebnissen könne bei fehlender oder nicht erfolgreicher Therapie die Wahrscheinlichkeit erhöhen, selbst einen sexuellen Übergriff zu begehen.
Daraus folgt aber nicht, dass ein missbrauchtes Kind zwangsläufig später zum Täter wird. Umgekehrt müsse bei Tätern auch berücksichtigt werden, dass ihnen in ihrer eigenen Vergangenheit möglicherweise ein sexueller Übergriff widerfahren sei. Das könne ein Faktor in ihrer Biografie sein, erkläre aber nicht automatisch die spätere Tat. Besonders deutlich unterscheidet Sevecke zwischen einer pädophilen Neigung und einer tatsächlich begangenen Missbrauchstat.
"Pädophilie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anlagebedingt, aber die Entscheidung zum Missbrauch ist eine bewusste, willentliche Entscheidung. Und da ist immer ein Weg hin." Genau an diesem Punkt setzt Therapie an. Ziel sei es, diesen Weg zum Missbrauch zu unterbrechen. Das könne mit Veränderungen im Alltag beginnen und bis zum Einsatz von Medikamenten reichen. Sevecke nennt als Schätzung, dass rund 5 Prozent der Männer von Pädophilie betroffen seien.
Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Regel nicht auf eine pädophile Präferenz zurückzuführen sei. Oft gehe es vielmehr um Machtverhältnisse. Alter, Körpergröße, eine bestimmte Position oder die konkrete Situation könnten dabei eine Rolle spielen. Eine pädophile Neigung und sexueller Missbrauch dürften deshalb nicht einfach gleichgesetzt werden.