Werden Menschen immer mehr wie Goldfische? Klar ist: Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist rapide zusammengeschrumpft. Vielen Menschen fällt es immer schwerer, sich längere Zeit auf ein Thema zu konzentrieren.
"Das ist leider tatsächlich so", bestätigt die deutsche Neurowissenschafterin Laura Wünsch in einem Interview mit dem "Standard" (Paywall). Im Schnitt sind es nur noch 47 Sekunden, die unser Gehirn fokussieren kann. Ein Bruchteil der zweieinhalb Minuten (150 Sekunden) durchschnittlicher Aufmerksamkeitsdauer von früher.
„Im Schnitt können sich die meisten Menschen nur noch 47 Sekunden lang konzentrieren“Laura WünschNeurowissenschafterin
Dabei täte uns hoch konzentriertes Arbeiten, der sogenannte Deep Flow, sogar gut. "Jedes Mal, wenn wir abgelenkt werden, brauchen wir im Schnitt 23 Minuten, um uns der Aufgabe wieder fokussiert zuzuwenden."
Eine große Rolle dabei spielen Smartphones, die inzwischen unseren Alltag beherrschen, und Social-Media-Plattformen, die alles daran setzen, ihre Nutzer noch länger an die Bildschirme zu fesseln. "Je mehr wir davon konsumieren, umso schwieriger fällt es uns, bei einer Sache zu bleiben und uns ganz tief auf eine Aufgabe zu konzentrieren", erklärt Wünsch. Sie bezeichnet Facebook & Co sogar als "asoziale Medien", weil sie Menschen zudem weniger empathisch und einsamer machen – und offenbar auch dümmer.
"Es gibt den sogenannten Flynn-Effekt, der besagt, dass die nächste Generationen immer schlauer war als die vorherige. Das lag an besserer Ernährung, besserer Gesundheitsvorsorge, mehr Wissen über Hirnförderung etc. Nun haben wir zum ersten Mal einen umgekehrten Flynn-Effekt. Man glaubt inzwischen, dass die Millennials die schlaueste Generation waren."
Der Grund ist simpel: Unser Gehirn hat sich seit der Steinzeit kein bisschen weiterentwickelt. Anstrengungen belohnt es mit kleinen Dopaminschüben. "Früher war das nach dem Jagen und Suchen, was lange gedauert hat. Heute liefern uns Smartphones und soziale Medien ständig neue Reize", sagt die Fachfrau. Das Gehirn passt sich an dieses Dauerbombardement an: "Die Folge ist, dass wir nach einer Weile so viele Dopaminrezeptoren haben, dass wir schnell Entzugserscheinungen bekommen."
„Irgendwann werden wir zu Zombies, die keine Euphorie, keine Überraschung oder Freude mehr zeigen können“Laura WünschNeurowissenschafterin
Alles, was nicht sofort einen solchen Dopaminschub auslöst – dazu gehört auch ein Buch lesen, oder jemandem zuhören – fällt dadurch vielen deutlich schwerer. Wünsch vergleicht es mit Alkoholkranken, die nur noch trinken, um Entzugserscheinungen loszuwerden.
"Ähnlich funktioniert das bei der Handysucht. Irgendwann werden wir zu Zombies, die keine Euphorie, keine Überraschung oder Freude mehr zeigen können. Die meisten Leute sehen für mich auch schon aus wie freudlose Trinker."
In den sozialen Medien abzuhängen, sei zudem "tote Lebenszeit". Von den konsumierten Inhalten bleibe kaum etwas im Gedächtnis hängen. "Würde man in dieser Zeit stattdessen Spanisch lernen oder im Tierheim aushelfen, wäre die Zeit sinnvoller genutzt."
Auch Multitasking sei nicht förderlich, dabei würden auch mehr Fehler begangen. "Unser Gehirn kann nicht an zwei Sachen gleichzeitig denken", erklärt die Neurowissenschafterin. Auf lange Sicht sei es deshalb für das Gehirn gesünder, bei Singletasking zu bleiben.
„Wenn wir einen Text lesen wollen, während wir in einem Meeting sind, bleibt uns von beidem praktisch nichts im Gedächtnis“Laura WünschNeurowissenschafterin
Sie sieht darin auch eine Reizüberflutung, die psychisch krank machen kann. "Wir sind total überflutet, überreizt und kommen nicht mehr zur Ruhe."
Ein einfacher Selbsttest kann Aufschluss geben, ob das eigene Gehirn bereits in Richtung Goldfisch unterwegs ist: Schafft man es noch, einem Vortrag 30 Minuten lang aufmerksam zuzuhören? Hält man es noch aus, eine halbe Stunde lang nichts zu tun und mit seinen Gedanken alleine zu sein?
Die gute Nachricht: Bei unserem Hirnmuskel ist nichts in Stein gemeißelt, man kann die eigene Konzentrationsfähigkeit auch wieder verbessern. Dazu gibt Wünsch mehrere Tipps:
"Bewegung hilft sehr": Das Gehirn denke in Lösungen, während wir uns bewegen, sagt sie. "Viele kennen das sicher, dass einem die besten Ideen beim Joggen oder Fahrradfahren kommen. Das sind meist Tätigkeiten, bei denen wir nicht abgelenkt sind."
"Schlafen hilft auch wahnsinnig": Im Gehirn sammle sich tagsüber viel Gedankenmüll an, der erst in der Nacht wieder aussortiert und die Informationen in das Langzeitgedächtnis übertragen würden.
„Tagsüber sammelt sich viel Müll im Gehirn, nachts kommt die Müllabfuhr und räumt auf.“Laura WünschNeurowissenschafterin
Durch das Blaulicht der Bildschirme würden die Menschen aber inzwischen so wenig schlafen, wie noch nie. Ihre Empfehlung: Handys raus aus dem Schlafzimmer. Abends vor dem Schlafengehen am besten spazieren gehen oder ein eintöniges Buch lesen.
"Das Wichtigste ist die Pause": Zudem gehe auch untertags immer mehr Zeit, die das Gehirn eigentlich für Regeneration bräuchte, verlustig. "Kaum einer macht Pausen. Durchleuchtet man ein Hirn aber in Pausen, sieht man, dass es dann am aktivsten ist", konstatiert die Deutsche Forscherin.
Nachdem Neues gelernt wurde, sollte man die Inhalte am besten noch einmal für sich wiederholen, sich vormurmeln oder einer anderen Person erzählen. So werde Wissen deutlich besser verdaut. Nachsatz: Das Schlechteste, was man seinem Gehirn antun kann, ist, sofort aufs Handy zu schauen, nachdem man etwas Neues gelernt hat."
Wünsch rät zudem, sich bei einer schwierigen Aufgabe nicht bis zu deren Lösung an den Schreibtisch zu fesseln. Stattdessen könne ein kleines Nickerchen oder ein Spaziergang zwischendurch sogar helfen, um wieder Konzentration zu fassen. "Nach unserem Verständnis bedeutet Arbeit Leid. Unser Gehirn funktioniert aber eigentlich ganz anders."
Sie selbst hat den "asozialen Medien" abgeschworen, bis auf LinkedIn alle Accounts gelöscht. Das Handy komme ihr nicht ins Büro. "Wenn ich arbeite, erledige ich eine Aufgabe nach der anderen und nicht alles auf einmal. Wenn ich nervös oder hibbelig bin, stehe ich auf und gehe kurz raus oder setze mich ans offene Fenster, damit meine Augen natürliches Licht abbekommen", schildert Wünsch ihren eigenen Weg. Das Resultat sei eindeutig: "Dadurch fühle ich mich glücklicher und auch meine Konzentration ist wieder besser geworden."
Einen so radikalen Einschnitt schaffen sicher nicht alle. Anfangs kann aber auch schon ein selbst auferlegtes Zeitlimit für die Social-Media-Nutzung helfen. Und ganz wichtig für Wünsch: Das Handy schon zwei Stunden vor dem Schlafengehen weglegen.