Deutschland gibt 400 Helfer in Afghanistan auf

Französische Soldaten vor einem Evakuierungsflugzeug am Flughafen von Kabul
Französische Soldaten vor einem Evakuierungsflugzeug am Flughafen von KabulAFP / picturedesk.com
Deutschlands Rettungseinsatz in Afghanistan ist in vollem Gang. Doch schon jetzt ist klar: Für viele Helfer dort gibt es keine Hoffnung mehr.

Das erste deutsche Bundeswehrflugzeug hat den Evakuierungseinsatz in Afghanistan unter schwierigen Bedingungen auf dem Flughafen Kabul begonnen. Nach stundenlanger Verzögerung und Warteschleifen in der Luft konnte der Airbus-A400M in der Nacht zum Dienstag dort landen. Die Maschine setzte Fallschirmjäger ab, die die Rettungsaktion absichern sollen, nahm auszufliegende Menschen an Bord und startete schnell wieder.

"Mit zu Schützenden ist die Maschine nun auf dem Weg nach Taschkent/Usbekistan", teilte das deutsche Verteidigungsministerium auf Twitter mit. Nach Informationen von "Bild" in Berufung auf deutsche Regierungskreise waren aber nur sieben Personen von der offiziellen Ausflugsliste auf dem Rückflug an Bord, weil wegen der nächtlichen Ausgangssperre nicht mehr zum Flughafen gebracht werden konnten.

Zähes Warten auf Landeerlaubnis

Die Maschine vom Typ A400M war zuvor fünf Stunden lang über dem Flughafen gekreist, der wegen chaotischer Zustände auf dem Rollfeld vorübergehend gesperrt war. Das Benzin hätte nicht mehr lange gereicht, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur in Sicherheitskreisen. Zuvor hatte bereits eine andere Transportmaschine der Bundeswehr den Anflug auf Kabul abbrechen und zum Nachtanken nach Taschkent fliegen müssen.

Die beiden Flugzeuge sollen deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte, die früher für die Bundeswehr oder Bundesministerien gearbeitet haben oder noch arbeiten, zunächst nach Usbekistan bringen. Vom dortigen Drehkreuz Taschkent soll es dann mit Chartermaschinen weiter nach Deutschland gehen. Die beiden A400M waren am Montagmorgen vom niedersächsischen Wunstorf Richtung Kabul gestartet und in Baku in Aserbaidschan zwischengelandet. 

Angst vor Racheaktionen durch Taliban

Die Start- und Landebahn des Flughafens Kabul in Afghanistan ist nach Angaben eines Nato-Vertreters wieder geöffnet. Der zivile Repräsentant der Nato in Afghanistan, Stefano Pontecorvo, schrieb am Dienstag auf Twitter, er sehe Flugzeugelanden und abheben. Zuletzt war der Flugverkehr eingestellt, da sich Menschentrauben auf dem Flugfeld aufhielten. Viele Afghanen versuchen, nach der faktischen Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban, das Land zu verlassen.

Derzeit bemühen sich zahlreiche westliche Länder ihre Staatsbürger und Ortskräfte, an denen Racheaktionen der Taliban befürchtet werden, aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen. Es ist allerdings unklar, ob die zu Evakuierenden ohne Probleme auf das Flughafengelände gelangen können.

Deutschland gibt seine Helfer in Afghanistan auf

Mehrere sogenannte "sichere Häuser" in Kabul, in denen afghanische Ortskräfte der Bundeswehr und weiterer Institutionen zeitweise Zuflucht gefunden hatten, mussten offensichtlich aufgegeben werden. Das berichtete am Montag das ZDF-Magazin "Frontal" unter Berufung auf den Vorsitzenden des Partnerschaftsnetzwerks "Afghanische Ortskräfte", Marcus Grotian. "Ich habe 400 Menschen mitgeteilt, dass es für sie keine Hoffnung mehr gibt und die Safehouses aufgelöst", zitierte ihn der Sender. "Es ist grausam und es ist furchtbar", so Grotian weiter. Anlass sei ein Anruf der Bundesregierung bei einem früheren Übersetzer der Bundeswehr gewesen, wonach es keine Möglichkeit mehr gebe, den Menschen bei der Ausreise aus Afghanistan zu helfen. 

Laut Aussage des afghanischen Übersetzers, dessen Identität dem ZDF bekannt sei, hielten sich bis zuletzt hunderte afghanische Ortskräfte und ihre Familienmitglieder in insgesamt drei "Safehouses" in Kabul auf. Diese seien jedoch offensichtlich von den Taliban entdeckt worden. Die Islamisten würden auf den Straßen von Kabul patrouillieren und gezielt nach Ortskräften der internationalen Streitkräfte suchen, von denen viele dort umherirrten, hieß es in dem Bericht weiter. Der afghanische Übersetzer sagte demnach «frontal», er bedauere zutiefst, für die deutsche Bundeswehr gearbeitet zu haben.

Seehofer-Innenministerium rechnet mit massiver Flüchtlingswelle

Der US-Sender CNN berichtete, Taliban-Kämpfer hätten in Humvees vor dem Flughafen Stellung bezogen und würden versuchen, die Menschenmassen rund um den Flughafen zu kontrollieren. Auf von CNN gezeigten Videos war zu sehen, wie Menschen versuchen, durch Tore oder über mehr als drei Meter hohe Sprengschutzmauern auf den Flughafen zu gelangen. Es gibt unbestätigte Berichte, dass die Taliban sie zurückdrängen. Ortskräfte haben Angst, am Weg zum oder vor dem Flughafen von den Taliban kontrolliert zu werden. Sie sagen, sie müssten Dokumente mitführen, die eine Berechtigung zur Evakuierung belegten.

Nach der Machtübernahme der Taliban rechnet der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mit einem massiven Anstieg der Anzahl an Flüchtenden. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur sagte Seehofer am Montag, dass er mit 300.000 bis zu fünf Millionen mehr Flüchtenden rechnet. Einen Zeitraum nannte er nicht. Insbesondere Nachbarländer Afghanistans wie Pakistan oder der Iran hatten in der Vergangenheit Flüchtende aus Afghanistan aufgenommen.

Taliban verkünden Amnestie für Regierungsmitarbeiter

Die Taliban haben eine Generalamnestie für alle afghanischen Regierungsmitarbeiter verkündet. Die Islamisten forderten die Beamten am Dienstag auf, zu ihrem Arbeitsplatz zurückzukehren. "Sie sollten mit vollem Vertrauen in Ihren Alltag zurückkehren", hieß es in einer Erklärung der Islamisten, die am Sonntag wieder Macht in Afghanistan an sich gerissen hatten.

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