Halluzinationen

Dieser Pilz lässt dich "kleine Männchen" sehen

In China gilt der Pilz Lanmaoa asiatica als wahre Spezialität. Wenn er nicht richtig zubereitet wird, kann er für seltsame Halluzinationen sorgen.
Newsdesk Heute
29.09.2026, 18:11
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Sobald die Hauptsaison für Lanmaoa asiatica startet, füllen sich in der südchinesischen Provinz Yunnan die Spitäler. Zahlreiche Menschen berichten dann von einem eigenartigen Symptom: Sie sehen winzige Gestalten, wie kleine Elfen, die über Tische und Teller spazieren oder an den Wänden herumklettern. Laut 20 Minuten ist dieses Phänomen in der Region bekannt.

Diese Erscheinungen werden "Lilliput-Halluzinationen" genannt – benannt nach den kleinen Bewohnern der Insel Lilliput aus Jonathan Swifts Buch "Gullivers Reisen". Eine aktuelle Studie der University of Utah bringt nun Licht ins Dunkel: Offenbar ist der Pilz Lanmaoa asiatica selbst der Auslöser für diese merkwürdigen Wahrnehmungen.

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"Mushroom madness" schon seit 1934 bekannt

Der Pilz wächst in den Kiefern- und Pinienwäldern der Gegend. Zwischen Juni und August wird er frisch auf den Märkten verkauft oder in den Lokalen zubereitet. Colin Domnauer, ein Doktorand der Universität, fand heraus, dass in diesem Pilz eine bislang unbekannte Substanz steckt, die Halluzinationen auslöst. Diese Entdeckung könnte neue Einblicke in neurologische Erkrankungen und die Funktionsweise des menschlichen Bewusstseins geben.

Bereits im Jahr 1934 berichteten westliche Forscher aus dem Hochland von Papua-Neuguinea über Dorfbewohner, die nach dem Essen eines wilden Pilzes kleine Gestalten sahen. Damals sprach die Kolonialverwaltung von "mushroom madness". Der niederländische Psychiater Jan Dirk Blom hat später weltweit 226 Fälle von Lilliput-Halluzinationen untersucht. Ganze 96 Prozent der Betroffenen gaben an, winzige, eigenständig handelnde Menschen gesehen zu haben. Für die Forscher ist das ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um einen Aberglauben, sondern um eine biologische Reaktion handelt.

Colin Domnauer reiste mehrmals nach Yunnan

Domnauer hörte zum ersten Mal während seines Studiums von seinem Professor für Pilzkunde von Lanmaoa asiatica. "Es klang so bizarr, dass es da draußen einen Pilz geben könnte, der märchenhafte Visionen hervorruft, von denen kultur- und epochenübergreifend berichtet wird. Ich war verblüfft und von Neugier getrieben, mehr darüber zu erfahren", sagte er der BBC.

Im Sommer 2023 reiste Domnauer während der Pilzsaison nach Yunnan. Auf den riesigen Märkten der Provinz fragte er die Händler, bei welchen Pilzen man "kleine Männchen" sieht. Die Exemplare, auf die die kichernden Verkäufer zeigten, kaufte er ein und brachte sie ins Labor zur Genom-Analyse.

Mit dem Timer zur richtigen Garzeit

Im Südpazifik scheint das Wissen um die Wirkung des Pilzes weit verbreitet zu sein. "In einem Restaurant in Südchina, das einen Topf mit Pilzgerichten serviert, stellte der Kellner einen Timer auf 15 Minuten und warnte uns: 'Esst sie erst, wenn der Timer abgelaufen ist, sonst seht ihr womöglich kleine Männchen'", erzählt Domnauer.

Zurück im Labor untersuchte Domnauer den Pilz genauer. Chemische Auszüge aus Lanmaoa asiatica lösten bei Mäusen Verhaltensänderungen aus, die den menschlichen Symptomen ähneln: Zuerst wurden die Tiere hyperaktiv, dann verfielen sie in eine längere Starre, in der sie sich kaum bewegten.

Jetzt wollen Domnauer und sein Team herausfinden, welche Substanz im Pilz für die Halluzinationen verantwortlich ist. "Wir stehen bei der Erforschung der Pilze noch ganz am Anfang. Denk nur an Penicillin – das wurde auch aus einem Pilz gewonnen und hat die Medizin revolutioniert. Wer weiß, welche Wunder oder bahnbrechenden Erkenntnisse wir noch in der Natur finden werden", so der Forscher.

red,29.09.2026, 18:11