Die Blätter fallen, die Tage werden kürzer – und mit dem Herbst verändert sich offenbar mehr als nur unsere Stimmung. Eine Studie zeigt: Sogar unser moralischer Wertekompass könnte mit den Jahreszeiten ins Schwanken geraten.
Für ihre 2024 im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichte Untersuchung werteten Ian Hohm, Brian O'Shea und Mark Schaller Daten aus einem Zeitraum von zehn Jahren aus. Allein in den zentralen US-Analysen flossen insgesamt 232.975 Fragebogenantworten aus den Jahren 2011 bis 2020 ein. Dabei interessierte die Forscher, ob sich die Zustimmung zu moralischen Werten im Jahresverlauf verändert – und tatsächlich zeigte sich ein wiederkehrendes Muster.
Im Mittelpunkt standen sogenannte "binding moral values", also moralische Vorstellungen, die den Zusammenhalt einer Gruppe betonen. Dazu zählen Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe, Respekt vor Autoritäten sowie Reinheit beziehungsweise die Bewahrung bestimmter Normen und Traditionen. Genau diese Werte wurden im Frühling und Herbst stärker befürwortet. Im Sommer und Winter fiel die Zustimmung dagegen geringer aus.
Bei anderen moralischen Werten zeigte sich dieses Muster hingegen nicht in vergleichbarer Form. Vorstellungen rund um Fürsorge und Fairness, von den Forschern als "individualizing moral values" zusammengefasst, wiesen keinen ähnlich ausgeprägten saisonalen Zyklus auf.
Das bedeutet allerdings nicht, dass aus einem liberalen Menschen im September plötzlich ein Konservativer wird. Die Studie beschreibt Schwankungen in der durchschnittlichen Zustimmung zu bestimmten Wertvorstellungen – keine automatische Veränderung der persönlichen politischen Identität.
Doch warum sollten ausgerechnet Jahreszeiten etwas mit unseren moralischen Vorstellungen zu tun haben? Eine mögliche Erklärung fanden die Wissenschaftler beim Thema Angst. In einer weiteren Analyse zeigte sich ein ähnlicher saisonaler Verlauf des Angsterlebens. Dieser konnte den Zusammenhang mit den "bindenden" moralischen Werten teilweise erklären.
Die Idee dahinter: Wenn Menschen Bedrohung oder Unsicherheit stärker wahrnehmen, könnten Werte wie Gruppenzusammenhalt, Ordnung und Autorität vorübergehend wichtiger erscheinen. Allerdings sprechen die Forscher ausdrücklich von einer teilweisen Erklärung. Die Jahreszeit allein bestimmt also weder unsere Moral noch unsere politischen Überzeugungen.
Besonders interessant: Die Wissenschaftler untersuchten anschließend, ob das Muster auch außerhalb der USA auftaucht. Ähnliche saisonale Zyklen fanden sie in Daten aus Kanada und Australien. In Großbritannien ließ sich das Muster dagegen nicht beobachten. Die Autoren warnen deshalb selbst davor, die Ergebnisse als universelles Gesetz für alle Menschen und Länder zu verstehen.