Lesen, Schreiben und Rechnen geraten teilweise in den Hintergrund: Lehrerin Susanne Wiesinger schildert in der "Kleinen Zeitung" aus ihrem Alltag an einer Wiener Brennpunktschule, wie viel Unterrichtszeit für Konflikte und Deeskalation verloren geht. Gleichzeitig warnt sie davor, Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen und Integrationsproblemen aufzugeben.
Wie groß die Unterschiede bereits beim Schuleintritt sein können, erlebte Wiesinger bei Erstklässlern mit Rechenwürfeln. "Ein Großteil der Kinder wusste nicht, was man mit den Würfeln macht. Sie haben mit dem Finger über die Schachtel gewischt – wie über ein Handy – und gewartet, was passiert. Das hat mich wirklich schockiert. Früher haben Kinder die Würfel sofort ausgeleert und damit gespielt", sagt die Lehrerin gegenüber der "Kleinen Zeitung".
Nach ihrer Schilderung gehen teilweise bis zu 70 Prozent der Unterrichtszeit für Deeskalation verloren. Bereits Kleinigkeiten könnten Konflikte auslösen.
"Die Frustrationstoleranz ist sehr gering. Da reicht es, wenn jemand am Federpennal anstößt oder einen anderen anschaut. Dazu kommen Konflikte zwischen ethnischen Gruppen, die aus den Familien und Communities in die Schule getragen werden. Wir tun unser Bestes, und es wird auch besser. Aber diese Zeit fehlt beim Lesen, Schreiben und Rechnen", erklärt sie gegenüber der Tageszeitung.
Eine zusätzliche Herausforderung seien fehlende Deutschkenntnisse. Wiesinger arbeite deshalb unter anderem mit Bildern und Gesten. Manche Kinder könnten zwar technisch lesen, würden die Bedeutung der Wörter aber nicht verstehen.
Eine verpflichtende und sanktionierbare Überprüfung der Deutschkenntnisse von Dreijährigen befürwortet Wiesinger. Gleichzeitig fordert sie mehr Mittel für die Elementarpädagogik.
"Ja, auf alle Fälle. Und ich bin für den Ausbau der Elementarpädagogik, denn Elementarpädagoginnen haben noch schlechtere Arbeitsbedingungen, sind schlecht bezahlt und haben viel zu große Gruppen. Aber der Kindergarten ist die erste Bildungseinrichtung, da gehören die Ressourcen hin", stellt Wiesinger in der "Kleinen Zeitung" klar.
Auch patriarchale Strukturen nehme sie im Schulalltag wahr. Bei Raufereien und schweren Beschimpfungen seien nach ihrer Erfahrung überwiegend Burschen beteiligt. Als Frau müsse sie sich Respekt teilweise hart erarbeiten.
Besonders schwierig seien teilweise Gespräche mit Eltern. Neben Sprachbarrieren sieht Wiesinger dabei auch grundsätzliche Konflikte über Integration.
"Für sie geht Identität verloren. Sie definieren sich über Religion, ihre Sitten, ihre Clans und sie wollen nicht, dass sich ihre Kinder von genau diesem Leben entfernen. Österreich ist für sie ein Land, eine Kultur der Ungläubigen. Ich werte das nicht, aber ich stelle nur dar, wie das in den Augen vieler Familien ist. Sie sehen Österreich als das feindliche christliche Land. Deshalb integrieren sich andere Gruppe auch viel besser, das Problem haben wir wirklich bei den streng muslimischen Menschen", sagt die Wiener Lehrerin in der Tageszeitung.
Dabei handelt es sich um Wiesingers Einschätzung aus ihren Erfahrungen an der Schule.
Das Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren unterstützt die Lehrerin: "Ja. Es kann niemals die einzige Maßnahme sein, aber ich habe Mädchen erlebt, die das Kopftuch abgelegt haben. Sie sind selbstbewusster aufgetreten, haben sich anders bewegt und wirkten wieder kindlicher."
Gleichzeitig würde Wiesinger auch bei Lehrern auf deutlich sichtbare religiöse Symbole verzichten. "Ich bin dafür, Religion möglichst aus Schulen herauszuhalten. Dann aber konsequent: nicht nur den Hijab, sondern auch andere stark sichtbare religiöse Symbole. Schule sollte ein möglichst neutraler Ort sein", sagt Wiesinger zur "Kleinen Zeitung".
Von Migranten erwartet sie zudem Unterstützung bei der Integration ihrer Kinder. "Es muss klar sein: Du bekommst etwas von diesem Staat, aber du musst auch etwas beitragen. Und ein Beitrag ist, deinen Kindern Integration nicht zu verbieten, sondern sie dabei zu unterstützen."
Trotz ihrer Kritik hält Wiesinger die Situation nicht für verloren. "Nein. Wenn wir aufgeben, landen wir bei komplett segregierten Vierteln, um die man einen Zaun bauen muss – und das will niemand. Dann haben wir bald eine selbst gewählte Apartheid in manchen Bezirken. Wir brauchen einen langfristigen Plan für Österreich als Einwanderungsland, der möglichst über Parteigrenzen hinweg getragen wird."