Unterrichten werde zunehmend zur Nebensache: Dieses düstere Bild zeichnet die Wiener Lehrerin Susanne Wiesinger von ihrem Schulalltag. Nach ihrem viel diskutierten Buch "Kulturkampf im Klassenkampf" aus dem Jahr 2018 legt sie nun nach. Damals habe sie geglaubt, die Lage könne kaum schlimmer werden. Heute schreibt sie: "Ich sollte mich irren."
Ihr neues, 192 Seiten starkes Buch trägt den Titel "Gebt unseren Kindern eine Chance! Was Österreichs Schulen jetzt brauchen". Wiesinger begründet in der "Kleinen Zeitung" ihre neuerliche Wortmeldung mit ihrer Sorge um die kommenden Jahre: "Wenn viele Schulen bereits jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen, ahnt man, wie die Situation in zehn Jahren aussehen könnte."
Die Pädagogin unterrichtet an einer Volksschule nahe dem Wiener Reumannplatz. Von rund 250 Schülern haben ihren Angaben zufolge lediglich acht keinen Migrationshintergrund. Mittlerweile verbringe sie 70 Prozent ihrer Zeit damit, Konflikte zu entschärfen. Für den eigentlichen Unterricht bleibe dadurch zu wenig Zeit.
Eine Ursache für die Verschärfung der Situation sieht Wiesinger im Familiennachzug, der derzeit ausgesetzt ist. Dadurch sei die "Zahl jener Menschen, die sich in Österreich überhaupt nicht integrieren wollen, erheblich gestiegen", erklärt die Wiener Pädagogin gegenüber der Tageszeitung.
Auch der Kontakt zu manchen Eltern gestalte sich schwierig und sei teilweise "schier unmöglich geworden". Wiesinger führt das unter anderem darauf zurück, dass "etliche Väter und noch mehr Mütter" nicht alphabetisiert seien.
Die Lehrerin beschreibt zudem patriarchalische Familienstrukturen. Söhne würden "schon im Volksschulalter" lernen, dass sie "über allen weiblichen Familienmitgliedern" stehen. Ältere Töchter müssten teilweise als "Ersatzmütter" Aufgaben für jüngere Brüder übernehmen, heißt es in der "Kleinen Zeitung".
Wiesinger berichtet auch von Familienkonstellationen mit mehreren Frauen. "Wer leugnet, dass es auch bei Familien, die nach Österreich geflohen sind, Männer mit mehreren Frauen gibt, will es entweder vertuschen oder ist grenzenlos naiv", stellt die Lehrerin in der Tageszeitung klar.
Besonders große Sorgen bereitet Wiesinger die Gewaltbereitschaft. Sie spricht von einer "enormen Gewaltbereitschaft" bereits bei sehr jungen Kindern. Buben würden schon im Volksschulalter mit "ungehemmter Gewalt aufeinander einschlagen", berichtet Wiesinger in der "Kleinen Zeitung".
Als einen Faktor nennt sie körperliche Gewalt als "Erziehungsmittel" in manchen Familien. Angebote zur Gewalt- und Suchtprävention seien zwar "gut gemeint", aus ihrer Sicht aber teilweise "völlig unbrauchbar", weil Schüler "sprachlich wie inhaltlich überfordert" seien, so die Lehrerin zur Tageszeitung.
Auch Spannungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen beobachtet die Pädagogin. "Immer mehr türkische und osteuropäische Einwanderer wollen ihre Kinder nicht mehr an die öffentlichen Schulen in ihrer Wohnnähe geben." Manche türkischen Familien würden etwa nach Ottakring ziehen, weil dort "noch mehr Türken als Araber leben", heißt es in dem Bericht der Tageszeitung.
Ein weiteres Problem sieht Wiesinger bei Smartphones. "Beim Entlassen nach Unterrichtsschluss beobachte ich, wie vor allem Buben zu ihrer Mutter laufen und sofort nach deren Handy greifen. Hält es das kleine Geschwisterchen im Kinderwagen bereits in den Händen, bedeutet dies Stress. Eines der Kinder schreit in dem Fall immer", schreibt sie in ihrem Buch.
Manche Kinder würden ihrer Vermutung nach daheim stundenlang mit dem Handy beschäftigt. Wiesinger schildert dazu eine Beobachtung aus einer ersten Klasse: Einige Schüler hätten nicht gewusst, wie sie mit Bauklötzen spielen sollen. Stattdessen hätten sie mit dem Finger darüber gewischt. Erst nachdem ihnen die Lehrerin das Spielen damit gezeigt hatte, seien sie begeistert gewesen.
Auch bei Deutsch und Mathematik sieht Wiesinger wachsende Schwierigkeiten. Die Erfolge der Deutschförderung seien überschaubar. Wiederholten Kinder mehrfach eine Klasse, könne zusätzlich der Altersunterschied zum Problem werden.
"Wie fühlt sich ein Dreizehnjähriger, den man in eine vierte Klasse mit Volksschülern steckt, die auch noch bessere Leistungen liefern? Diese Frage stellt man in unserem Bildungssystem nur selten", so Wiesinger zur "Kleinen Zeitung".
Wiesinger will es allerdings nicht bei der Kritik belassen. Als mögliches Vorbild nennt sie Dänemark. Dort würden besser bezahlte Pädagogen mit kleineren Gruppen arbeiten und Kinder bereits ab drei Jahren gezielt gefördert.
In Österreich sieht sie dagegen Defizite bei der Sprachförderung im Kindergarten. Kritisch bewertet sie dabei auch die steigende Zahl an "verhüllten Pädagoginnen und Helferinnen in Wiener Kindergärten", heißt es in der Tageszeitung weiter.
Positiv hebt Wiesinger die Lerncafés der Caritas hervor und fordert deren flächendeckenden Ausbau. Dort könnten Kinder zusätzliche Unterstützung bekommen.
Für besonders auffällige Jugendliche fordert die Lehrerin zudem "Timeout-Klassen". In "speziellen Kleingruppen" sollen sie gezielt betreut werden, "so lange, bis sich Systemsprenger wieder in die Klassengemeinschaft eingliedern können". Entsprechende Klassen sind derzeit ab dem Schuljahr 2028/29 geplant.
Auch finanzielle Konsequenzen für Eltern, die nicht kooperieren, bringt Wiesinger in ihrem Buch ins Spiel. Von einer stärkeren "Durchmischung" der Schulen als Lösung hält Wiesinger inzwischen wenig. Diese wäre ihrer Ansicht nach vor 15 Jahren noch machbar gewesen. Heute lautet ihr Urteil: "Dieser Zug ist gänzlich abgefahren."