Anfassen statt nur anschauen! Franz West stellte die Kunstwelt auf den Kopf – und hatte dabei stets den Wiener Schmäh im Gepäck. Zum 80. Geburtstag des Ausnahmekünstlers zeigt die Albertina Modern jetzt die größte Retrospektive seines Schaffens.
Kunst muss nicht immer brav auf einem Sockel stehen. Man darf sie auch anfassen, sich daraufsetzen oder mit ihr herumturnen! Das war zumindest die Devise des Wiener Künstlers Franz West (1947–2012). Mit seinen ungewöhnlichen Skulpturen revolutionierte er die Kunstwelt. Jetzt widmet ihm die Albertina Modern eine große Schau.
"Franz West war jemand, der mit dem Wiener Schmäh beseelt war", erzählte Kuratorin Angela Stief bei der Pressekonferenz. Der Künstler stammte aus gebildetem Hause, nahm die Kunst aber alles andere als bierernst. Statt ehrfürchtigem Staunen setzte er auf Humor, Provokation und die Lust am Experimentieren.
Schon in den 1970er-Jahren sorgte West mit seinen sogenannten "Passstücken" für Aufsehen. Die seltsamen, oft unförmigen Gebilde sollten nicht bloß betrachtet, sondern getragen, gedreht oder an den Körper gehalten werden. Was dabei herauskam? Mitunter ziemlich skurrile Posen!
West bezeichnete seine Passstücke in Anlehnung an Sigmund Freud als "sichtbar gemachte Neurosen". Seine Kunst sollte also nicht nur unterhalten, sondern auch zeigen, was in uns Menschen steckt – inklusive unserer kleinen und großen Macken.
Später entstanden Möbel, auf denen man sitzen oder liegen konnte, sowie riesige, oft knallbunte Skulpturen. Auch bei der Materialwahl war West nicht zimperlich: Zeitungsschnipsel, Papiermaché, Farbreste und vermeintlicher Müll wurden bei ihm zu Kunstwerken.
Was zunächst schräg und improvisiert wirkte, brachte West internationalen Ruhm. Seine Arbeiten waren auf der documenta und der Biennale von Venedig zu sehen. 2011 erhielt er dort den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk – ein Jahr vor seinem Tod.
Die Albertina Modern zeigt nun Werke von den frühen 1970er-Jahren bis 2012, darunter die berühmten Passstücke, Möbelobjekte, Lemuren und Aluskulpturen sowie zahlreiche Collagen und Arbeiten auf Papier.
Doppelter Kunstgenuss: Zum 80. Geburtstag des Künstlers im Februar 2027 feiern gleich zwei Wiener Museen den eigenwilligen Kunststar. Am 5. November eröffneten sowohl die Albertina Modern mit "Franz West. Die Revolution der Skulptur" als auch das Wien Museum mit "Franz West und Wien" ihre Ausstellungen. Ab dem 6. November ist die Ausstellung öffentlich zugänglich.