Das historische Niedrigwasser der Donau hat dramatische Folgen für die Energieversorgung Ungarns. Das Atomkraftwerk Paks soll innerhalb der kommenden 24 bis 72 Stunden vollständig abgeschaltet werden. Damit fällt vorübergehend eine Kraftwerksleistung von rund 2.000 Megawatt weg.
Der Betreiber MVM Paksi Atomerőmű bezeichnet die Komplettabschaltung mittlerweile als unvermeidlich. Das Kraftwerk deckt unter normalen Umständen fast die Hälfte der ungarischen Stromproduktion und wird mit Wasser aus der Donau gekühlt.
Nach Angaben des Betreibers wäre grundsätzlich noch genügend Wasser vorhanden, um die Reaktorblöcke zu kühlen. Das Problem liegt jedoch bei den Kühlwasserpumpen: Deren Ansaugöffnungen befinden sich mittlerweile höher als der extrem niedrige und voraussichtlich weiter sinkende Wasserspiegel.
Die Pumpen könnten dadurch ihre Aufgabe nicht mehr zuverlässig erfüllen. Technische Arbeiten, mit denen die Ansaugrohre tiefer gelegt werden sollen, wurden bereits begonnen. Die Anpassung soll es dem Kraftwerk künftig ermöglichen, auch bei noch niedrigeren Wasserständen weiter Strom zu produzieren.
Der Donaupegel liegt nach Angaben des Kraftwerks derzeit 28 Zentimeter unter dem bisherigen Negativrekord aus dem Jahr 2018. Schon dieser Rekordwert lag mehr als einen Meter unter jenem hundertjährigen Mindestwasserstand, der bei der Planung der Anlage vor über 40 Jahren berücksichtigt worden war.
Das Kraftwerk hatte seine Produktion bereits schrittweise reduziert. Am Mittwoch wurde die Abschaltung von Reaktorblock 3 eingeleitet. Am Donnerstagmorgen wurde zudem die Leistung von Block 2 um 50 Prozent gesenkt. Der Pegel bei Paks wurde zu diesem Zeitpunkt mit minus 121 Zentimetern angegeben.
Das Kraftwerk unterscheidet bei extremem Niedrigwasser zwischen vier Alarmstufen. Derzeit gilt Stufe 3. Sollte der Pegel auf Stufe 4 fallen, müssen sämtliche Reaktorblöcke heruntergefahren werden. Der Betreiber hält dieses Szenario aufgrund der aktuellen Prognosen für realistisch.
Auch nach der Abschaltung müssen die Reaktoren weiter gekühlt werden. Dafür wird allerdings deutlich weniger Wasser benötigt: Während des laufenden Betriebs fließen nach Betreiberangaben rund 100 Kubikmeter pro Sekunde durch die Anlage. Für die Kühlung der abgeschalteten Blöcke reichen fünf Kubikmeter pro Minute.
Für den Fall eines weiteren Pegelrückgangs stehen zusätzliche mobile Pumpen bereit. Zwölf davon können dauerhaft eingesetzt werden, vier weitere dienen als Reserve und 13 befinden sich in Bereitschaft. Der Betreiber versichert, die Anlage könne selbst bei einem wochenlangen Extrem-Niedrigwasser in einem sicheren Zustand gehalten werden.
Sobald die Donau wieder einen ausreichenden Wasserstand erreicht, sollen die Reaktorblöcke schrittweise hochgefahren werden. Abhängig vom Pegel könnte die Wiederinbetriebnahme innerhalb weniger Tage erfolgen.
Durch eine vollständige Abschaltung würden rund 2.000 Megawatt Kraftwerksleistung fehlen. Die ungarische Regierung erklärte jedoch, die Versorgung des Landes sei weiterhin gesichert. Ungarn verfüge über Importkapazitäten von rund 3.600 bis 3.800 Megawatt.
Behörden, Netzbetreiber und Energieunternehmen würden die Lage laufend neu bewerten. Gleichzeitig arbeitet die Regierung an Krisenplänen, bei denen große industrielle Verbraucher ihren Strombedarf vorübergehend reduzieren könnten. Krankenhäuser, soziale Einrichtungen und andere wichtige Bereiche sollen davon ausdrücklich nicht betroffen sein.
Ministerpräsident Péter Magyar und der Kraftwerksbetreiber riefen die Bevölkerung zudem dazu auf, insbesondere während der verbrauchsintensiven Abendstunden sparsam mit Strom umzugehen.
Das extreme Niedrigwasser belastet nicht nur Ungarn. Im rumänischen Kernkraftwerk Cernavodă wurde bereits Block 1 bereits am Dienstag kontrolliert abgeschaltet, um Schäden an den Kühlpumpen zu verhindern. Die Durchflussmenge der Donau war dort auf rund 1.630 Kubikmeter pro Sekunde und damit auf den niedrigsten Stand seit 30 Jahren gefallen.
Der Betreiber in Paks führt den sinkenden Wasserstand unter anderem auf die zunehmende Vertiefung des Flussbetts zurück. Zusätzlich würden die Folgen des Klimawandels und immer extremere Wetterlagen eine Rolle spielen. In diesem Jahr seien die sonst üblichen höheren Wasserstände praktisch ausgeblieben.
Parallel dazu sollen am Standort zwei neue Reaktoren entstehen. Das als Paks II bezeichnete Projekt wird vom russischen Staatskonzern Rosatom umgesetzt und größtenteils über einen russischen Staatskredit finanziert.
Der Europäische Gerichtshof hob im September 2025 die Genehmigung der EU-Kommission für die ungarischen Staatshilfen auf. Die Kommission hätte nach Ansicht des Gerichts genauer prüfen müssen, ob die direkte Vergabe des Auftrags an das russische Unternehmen ohne öffentliche Ausschreibung mit dem EU-Vergaberecht vereinbar war.