Israelischer Historiker

"Dramatischer Moment in der Geschichte dieses Krieges"

Der Krieg in Gaza soll ausgeweitet, das Gebiet vollständig besetzt werden. Das berichten israelische Medien. Ein israelischer Historiker ordnet ein.
05.08.2025, 22:27
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Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hat am Montagabend laut übereinstimmenden Medienberichten angekündigt, den Gazastreifen vollständig besetzen zu wollen. Noch diese Woche ist eine Sitzung des Sicherheitskabinetts geplant. Das Nachrichtenportal "ynetnews.com" zitierte einen Offiziellen, der ihm nahe steht, mit den Worten: "Die Würfel sind gefallen – wir beabsichtigen, den Gazastreifen vollständig zu besetzen." Weiter übermittelte er dem Stabschef folgende Botschaft: "Wenn Ihnen das nicht passt, sollten Sie zurücktreten."

Die israelischen Streitkräfte IDF kontrollieren derzeit etwa 75 Prozent des Gazastreifens, schreibt "Times of Israel". Unklar ist, welche Auswirkungen eine Besetzung der restlichen Gebiete für die Zivilisten und die im Gazastreifen tätigen humanitären Organisationen hätte. Nach UN-Angaben droht in Gaza eine Hungersnot. Seit einigen Tagen lässt Israel zwar wieder mehr Hilfslieferungen in das abgeriegelte Gebiet. Doch viele der Hilfsgüter kommen nicht bei denen an, die sie am meisten benötigen.

Videos israelischer Geiseln veröffentlicht

Die Ankündigung erfolgt nach monatelangen Gesprächen in Doha zwischen der Hamas, Israel und Vermittlern mit dem Ziel, eine Waffenruhe und eine Geiselfreilassung zu erreichen. Die Hamas forderte, dass Hunderte Hilfslaster in den Gazastreifen gelangen müssten, bevor die Terrororganisation zu Verhandlungen zurückkehren würde. Ob der Netanyahu-Entscheid der Besetzung auch im Zusammenhang mit den am Wochenende veröffentlichten Videos israelischer Geiseln durch die Hamas steht, ist derzeit noch nicht bekannt.

Die Videos haben die Menschen nicht nur in Israel emotional mitgenommen, sie haben auch neue Forderungen ausgelöst. Israels Premier Netanyahu bat das Internationale Rote Kreuz, die Geiseln mit Medikamenten und Nahrungsmitteln zu versorgen. Die Hamas erklärte, sie werde dem IKRK den Zugang zu den Geiseln nur erlauben, wenn humanitäre Korridore für Hilfslieferungen im Gazastreifen eröffnet würden. Der israelische Historiker Tom Segev ordnete die Entwicklungen am Dienstagabend in der "ZIB2" bei ORF-Moderator Armin Wolf ein.

"Noch nie so schlimm gewesen wie jetzt"

"Während des Krieges haben die israelischen Medien nur wenig gezeigt von der Katastrophe in Gaza", so Segev dazu, dass zwar die ganze Welt auf den Krieg im Gazastreifen blicke, er aber behaupte, dass israelische Bürger wenig über das Ausmaß wissen würden. In letzter Zeit wisse man aber mehr, sehe mehr. "Noch nie in der Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts" sei es "so schlimm gewesen wie jetzt", so Segev, angefangen "mit der bestialischen Attacke" auf Israelis am 7. Oktober 2023 bis hin zu den "fürchterlichen Berichten aus Gaza".

Die Hamas habe manche ihrer Terror-Taten aus Kellern von Krankenhäusern und Schulen begangen, so der Historiker. "Aber im Moment scheint mir das schon fast eine historische Frage zu sein, weil wir heute Abend vor dem Beschluss stehen, ob der Krieg erneuert wird", so Segev. "Interessanterweise ist die Armee dagegen. Das heißt, es ist jetzt ein großer Streit zwischen der Regierung und der Armee." Diese Situation bezeichnete der Historiker als einen "wirklich dramatischen Moment in der Geschichte dieses Krieges".

"Noch nie passiert in der Geschichte"

Dass sich die Armee einem Befehl der Regierung widersetze, sei "noch nie passiert in der Geschichte" Israels, so Segev, deswegen sei die anstehende Entscheidung so dramatisch. "Man glaubt demjenigen, der verspricht, die Geiseln befreien zu können", so der Historiker, der glaube, die Mehrheit der Israelis stehe bei dieser Entscheidung hinter der Armee und nicht hinter Netanjahu. Warum die israelische Regierung jetzt überhaupt den Gazastreifen besetzen wolle, das konnte der Historiker selbst nicht beantworten: "Ich weiß es wirklich nicht."

Viele Israelis würden glauben, Netanjahu wolle den Krieg so lange wie möglich hinziehen, um zu vermeiden, dass wenn der Krieg zu Ende sei und neue Wahlen anstehen würden, diese zu verlieren. Außerdem stehe Netanjahu selbst wegen des Verdachts der Korruption vor Gericht, erinnerte der Historiker. "Er tut alles, um im Amt zu bleiben. Ich bin nicht sicher, ob das wirklich die Hauptüberlegung ist. Aber es ist schon logisch." Segev jedenfalls liege daran, dass der Krieg beendet werde, die Geiseln befreit würden, "und zwar sofort".

{title && {title} } red,20 Minuten, {title && {title} } 05.08.2025, 22:27
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