Bis Jahresende fehlen der Stadt Wien zehn Krisenpflegeeltern. Diesen Mangel spüren auch jene, die den Job bereits ausüben. Kathrin Raab hat teilweise mehrere Krisenpflegekinder gleichzeitig bei sich. Wenn sie als Urlaubsvertretung einspringen muss, betreut sie gleichzeitig noch einen Langzeitpflegesohn und ihre leibliche Tochter.
Katrin und ihr Ehemann wollten schon immer eine große Familie haben. Als ihr erstes Kind dann als Frühchen zur Welt kam, entschieden sich die beiden, diesen Wunsch auf eine andere Art und Weise zu erfüllen. "Meine Tochter hatte in der Volksschule ein anderes Kind, das in einer WG wohnte", erzählt die Wienerin. "Mein Mann meinte dann: 'Wieso nehmen wir nicht so ein Kind auf und geben ihm ein Zuhause?'" Nach einigen Gesprächen und ausreichend Vorbereitung kam schließlich ihr Langzeitpflegesohn in Katrins Familie. Doch dabei blieb es nicht. "Es hat mir Spaß gemacht, dieses Kind zu stabilisieren – so sind wir auf die Krisenpflege gekommen", erklärt sie. Seither ist das der Beruf der 38-Jährigen: Sie ist Krisenpflegemutter. Derzeit hat sie zwei Kinder bei sich. "Das sind mein 19. und 20. Krisenpflegekind."
Diese Kinder sind immer zwischen null und drei Jahre alt und bleiben nur für einen begrenzten Zeitraum bei Katrin. Ihre Aufgabe ist es, ein stabiles Umfeld für Kinder aus Krisenfamilien zu schaffen, bis sie entweder dorthin zurückkehren oder in eine Langzeitpflegefamilie kommen. Seit fünfeinhalb Jahren übt Katrin den Beruf als Krisenmama nun schon aus – eine intensive Zeit, denn: "Weil wir so wenige Krisenpflegeeltern sind, ist man sozusagen im Dauereinsatz. Zieht ein Kind aus, steht meist praktisch das nächste schon vor der Tür", berichtet die Wienerin. Sie hat zwar fünf Wochen Urlaub im Jahr, doch aufgrund des massiven Mangels an Interessierten bleibt zwischen den Kindern meist nur sehr wenig Zeit.
Wer zu ihr kommt, weiß Katrin vorher nicht – und sie hat auch keinen Einfluss darauf. "Ich kenne die Namen, das Alter der Kinder und erfahre ob es Gewalt in der Familie gab." Wenn sie im Bereitschaftsdienst ist, kann jederzeit ein Anruf von den Sozialarbeitern kommen. "Es kann sein, dass ich ein Kind am nächsten Tag aus dem Krankenhaus abholen muss – oder dass jemand in einer halben Stunde mit dem Kind vor der Tür steht und nur überprüft, ob ich eh zu Hause bin." Wenn das Kind dann da ist, heißt es zuerst einmal: Eingewöhnung. "Die Kinder kommen manchmal nur im Body – ohne Lieblingskuscheltier, ohne Mutter-Kind-Pass" Um Dinge wie Kleidung oder ein Gitterbett zu besorgen, bekommt Katrin natürlich auch ein Gehalt sowie eine Aufwandsentschädigung. Für ein Kind erhält sie rund 3.000 Euro, für zwei etwa 5.000 Euro.
Die Geschichten der Kinder, die Katrins Familie bei sich aufnimmt, sind meist schwer zu verdauen. "Ich hatte zum Beispiel einmal ein Drogenbaby. Das hat im Krankenhaus bereits einen Entzug gemacht – dieser wird meist mit Morphium behandelt." Den weiteren Entzug machte das Kind dann bei Katrin – keine leichte Aufgabe. Doch sie sieht auch die schönen Seiten an ihrem Beruf: "Ich kann das Leben der Kinder ein Stück weit positiv beeinflussen, und das ist das Schönste an meinem Job", erklärt die Mutter. Ein weiterer Vorteil: "Dadurch, dass ich sozusagen 24 Stunden, sieben Tage die Woche im Homeoffice bin, kann ich mir meinen Tag frei einteilen." Einige Pflichttermine gibt es jedoch trotzdem – etwa die Besuchskontakte mit den leiblichen Eltern. Diese finden in den Räumlichkeiten der Kinder- und Jugendhilfe im Beisein einer Sozialarbeiterin statt; zu den Pflegeeltern nach Hause dürfen die Eltern nicht kommen. Ziel dieser Treffen ist es, dass Kinder und Eltern sich wieder annähern und eine Beziehung aufbauen können.
Für alle, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, Krisenpflegemama oder -papa zu werden, erklärt Katrin: "Voraussetzung ist, dass man selbst Kinder hat oder eine Ausbildung für Kinder im Alter von null bis drei Jahren absolviert hat. Man kann auch alleinerziehend sein oder in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben." Aufgrund der hohen Belastung sei es jedoch sehr wichtig, eine Bezugsperson zu haben, die einen im Zweifel unterstützen kann. Am 13. November findet online zwischen 17:00 und 19:00 Uhr ein Informationsabend für Interessierte statt.