Nach einem Drohnenangriff in der Sperrzone von Tschernobyl beschuldigt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Russland, gezielt nukleare Infrastruktur attackiert zu haben. Der Vorfall sorgt auch vor einem hochrangigen Ukraine-Treffen in London für neue Spannungen.
Wie der ukrainische Staatskonzern Energoatom mitteilte, wurde bei einem russischen Drohnenangriff ein Gebäude des zentralen Lagers für abgebrannte Brennelemente in der Tschernobyl-Sperrzone getroffen. Das Gebäude zur Annahme von Behältern sei in der Nacht teilweise zerstört worden. Nach Angaben des Unternehmens befand sich dort kein abgebrannter Kernbrennstoff.
Selenskyj sprach auf Telegram von einem "außerordentlich hinterhältigen russischen Angriff". Die zuständigen Ministerien und Behörden würden die internationalen Partner der Ukraine über den Vorfall informieren, teilte er mit.
"Russland hat absichtlich genau diese Anlage der nuklearen Infrastruktur getroffen", sagte Selenskyj. Die Strahlenwerte seien zwar unverändert geblieben, dennoch gebe es "eine Überschreitung der ohnehin schon himmelhohen russischen Unverschämtheit".
Ein durch den Angriff ausgelöster Brand in einem Gebäude der Anlage konnte laut ukrainischen Angaben gelöscht werden.
Die Tschernobyl-Sperrzone war bereits mehrfach Ziel russischer Angriffe. Das Atomkraftwerk war 1986 Schauplatz der schwersten Katastrophe in der Geschichte der zivilen Kernenergie. Damals geriet ein Test außer Kontrolle, wodurch radioaktive Strahlung weit über die Grenzen der damaligen Sowjetrepublik Ukraine hinaus freigesetzt wurde.
Unterdessen funktioniert eine wichtige Stromleitung zum Atomkraftwerk Saporischschja wieder. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte auf X mit, dass die externe Stromversorgung nach einem rund 15-stündigen Ausfall wiederhergestellt worden sei.
Während des Ausfalls musste Europas größtes Kernkraftwerk laut IAEA auf Notstromdieselgeneratoren zurückgreifen, um die Kühlung der sechs abgeschalteten Reaktoren sicherzustellen.
Auch in anderen Teilen der Ukraine gab es erneut Opfer. In der zentralukrainischen Region Dnipropetrowsk wurde nach Angaben von Gouverneur Oleksandr Hanscha ein 59-jähriger Mann bei russischen Drohnen- und Raketenangriffen getötet.
Der staatliche Rettungsdienst meldete zudem den Tod eines 56-jährigen Minibusfahrers nach einem Drohnenangriff in der Region Saporischschja. Darüber hinaus wurde in Dnipropetrowsk ein 35-jähriger Mann verletzt, außerdem entstand Schaden an Infrastruktur.