Wer im Handel arbeitet, kennt das Gefühl: Man gibt sein Bestes, bleibt freundlich, bemüht sich – und trotzdem wird man angefahren, beleidigt oder behandelt wie Luft. Für den ehemaligen Verkäufer Julian P. war genau das Alltag. Vor allem kurz vor Geschäftsschluss kam es immer wieder zu Situationen, die eskalierten.
"Einmal kam ein Mann zwei Minuten vor Ladenschluss rein. Er wollte noch Schuhe probieren. Ich hab ihm freundlich gesagt, dass wir gleich schließen, und gefragt, ob ich noch schnell helfen kann. Und dann ist er komplett ausgerastet. Hat mich angeschrien, als wär ich schuld, dass er zu spät kommt. Und dann: 'Du faule Sau! Du hast einfach keinen Bock zu arbeiten!' Ich war total perplex. Ich hab nichts gemacht – nur die Uhrzeit genannt", schildert er gegenüber "Heute".
Es ist kein Einzelfall: Laut Umfrage der Gewerkschaft GPA haben mittlerweile 39 Prozent der Handelsbeschäftigten Angst um ihre Sicherheit – wir berichteten.
Julian blieb ruhig. Was hätte er auch machen sollen? Zurückschreien war keine Option, das wusste er. Und Hilfe von Kollegen oder Vorgesetzten? Fehlanzeige. "Man steht da, wird beleidigt – und soll sich das gefallen lassen. Weil: 'Der Kunde ist König.' Und wenn du dich beschwerst, bist am Ende du das Problem."
Solche Szenen passierten nicht selten. Immer wieder musste Julian erleben, wie Kunden ihm ungefragt Vorschriften machten, ihm Dinge an den Kopf warfen, ihm Respekt verweigerten. Und immer wieder bekam er das Gefühl: Das gehört halt zum Job. "Aber das ist falsch. Es gehört nicht zum Job, beschimpft zu werden. Es ist einfach nicht normal – auch wenn sich das viele schönreden."
Neben derartigen verbalen Attacken kamen ständig kleinere Gesten der Respektlosigkeit. "Kunden, die dir Sachen vor die Füße werfen, die dich behandeln wie Dreck, die bewusst ignorieren, dass du gerade mit wem anderen beschäftigt bist."
Diese ständige Missachtung macht etwas mit einem. "Du gehst am Abend heim und hast das Gefühl, du bist nichts wert. Du machst deinen Job, strengst dich an – und wirst trotzdem wie der letzte Trottel behandelt. Das geht irgendwann an die Substanz."
Die Gewerkschaft GPA spricht seit Jahren von wachsender Gewalt und Verrohung im Handel. Immer mehr Verkäufer berichten von Beleidigungen, Einschüchterungen und Übergriffen – und viele trauen sich nicht, darüber zu reden.
"Ich finde es gut, dass das jetzt thematisiert wird", sagt Julian. "Aber solange sich in den Filialen nichts ändert, wird es weitergehen. Solche Leute wie der, der mich damals angeschrien hat, kommen morgen wieder rein – und keiner sagt was. Das macht’s so frustrierend."