Verein aus NÖ im Kriegsgebiet

"Endlose Katastrophe" – Helfer zum 9. Mal in Ukraine

Tom Putzgruber und sein Team brachten schon zum neunten Mal Hilfsgüter in die Ukraine – trotz Bandscheibenvorfall, Kälte und Problemen an der Grenze.
Aram Ghadimi
02.02.2026, 04:00
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Trotz täglichem Bombenhagel, kämpfen in der Ukraine Helfer um ihre Mitmenschen und auch um verweiste Tiere. Vielfach sind ihre Besitzer verstorben, vertrieben worden oder ganz einfach nicht mehr in der Lage für sie zu sorgen. Freiwillige haben in den letzten drei Jahren des russischen Angriffskriegs ein Auffangsystem für sie geschaffen.

Ziel "Eulennest"

Der niederösterreichische Verein RespekTiere, rund um Obmann Tom Putzgruber, oranisierte zum neunten Mal Hilfe. Neben humanitären Hilfsgütern standen erneut umfangreiche Tierhilfen im Mittelpunkt – darunter Hundehütten und Tiernahrung für Helfer vor Ort. Die Ziele der mehrtägigen Fahrt in das kriegsgebeutelte Land waren die Koordinationsstelle "Eulennest" in Uzghorod sowie eine Hilfsstation für Tiere in Mukatschewa. Helfer in Ungarn fungierten kurzfristig als Drehscheibe für Hilfsgüter.

"Es ist eine Premiere – das erste Mal, dass wir eine komplette LKW-Fuhre losschicken dürfen", freute sich Putzgruber in seinen begleitenden Blog-Einträgen. Ohne ein breites Netz an Freiwilligen und die Unterstützung einiger Unternehmen, sei so etwas nicht möglich. Die Hundehütten etwa baute Helfer Hannes aus Hollabrunn. Von dort musste Putzgruber sie abholen und bei der Spedition seines Bruders zwischenlagern, bevor es mit 600 Kilogramm Tierfutter und einen LKW der Spedition Gebrüder Weiss auf die Reise ging.

Der Lkw der Gebrüder Weiss GmbH in Herzogenburg.
zVg

Im gleichen Zeitraum sammelte das RespekTiere-Team weitere Hilfsgüter in Salzburg und im Raum Krems. Die Bäckerei Schalk aus Langenlois unterstützte die Fahrt erneut mit großen Mengen an Brot und Gebäck, das für die Flüchtlingskoordinationsstelle in Uzghorod bestimmt war. Trotz widrigem Wetter und eisigen minus zwölf Grad startet der bis an die Decke vollbeladene Kleinlaster vergangenen Donnerstag in Richtung Ukraine.

Plötzlicher Rückschlag

In Herzogenburg dann der erste heftigen Rückschlag: Beim letzten Aufladen mit Putzgrubers Bruder Charly und dessen Mitarbeiter, erleidet der RespekTiere-Obmann einen akuten Bandscheibenvorfall. Fast 1.000 Kilometer sind noch zu bewältigen, als plötzlich völlig unklar ist, ob Fahrt weitergehen kann.

Bangen auch beim Kremser Tierheim, das eine große Futterspende für Hunde beisteuerte. Die Hilfsaktion hat sich bereits erheblich verzögert, als sich Putzgruber schließlich unter Schmerzen für die Weiterfahrt entscheidet. Ein Arztbesuch und Notfallspritzen helfen ihm durchzuhalten. Kurz vor Budapest dann ein gewaltiger Stau, trotz milderem Wetter eine weitere Probe – selbst für starke Nerven.

Zwischenstopp und Sprung in die Ukraine

Bei Einbruch der Nacht zeigt das Thermometer nur noch leichte Plusgrade. Die Herberge für den geplanten Zwischenstopp bietet Check-In-Termine bis 21 Uhr – doch, es wird zunnehmend unrealistischer das noch zu schaffen. Gegen 22 Uhr ist die Schlafstelle dann erreicht und zum Glück ist noch jemand da, um die Helfer aus Österreich für eine Nacht aufzunehmen.

Früh am Morgen geht es weiter. Als der Lkw am nächsten Tag das Tierasyl von Helferin Enikö in Ungarn erreicht, bleibt keine Zeit mehr, um beim Abtransport des Tierfutters zu mitzuhelfen – es ist noch ein weiter Weg in die Ukraine. Dabei ist völlig unklar, ob das Passieren der Grenze nicht noch mehr Zeitverlust bedeutet. Ein Teil der Hilfslieferung bleibt an diesem Tag in Ungarn, während das Hilfsteam weiterfährt.

Putzgruber im Tierasyl von Helferin Enikö in Ungarn.
zVg

An der Grenze dann die Überraschung: "Nach nicht einmal einer Stunde sind wir durch, zum neunten Mal seit Kriegsbeginn", notiert Putzgruber in einem Blog-Eintrag. Tiefe Schlaglöcher und extrem schlechte Straßenverhältnisse erschweren das Weiterkommen zum ersten Etappenziel nach Uzghorod, wo die zentrale Flüchtlingskoordinationsstelle "Eulennest", ein Veranstaltungsgebäude in der Stadtmitte, liegt. Der Anlaufpunkt für Helfer aus ganz Europa liegt in der Reichweite der russischen Angreifer.

An der ukrainischen Grenze.
zVg

"Katastrophe ohne Ende"

Die 300 Kilogramm Futter, die Uzghorod abgeladen worden sind, werden später in die Ostukraine transportiert werden – in Orte an der heftig umkämpften Front, wo es unzählige Straßenhunde gibt. Die Bevölkerung, die ihre Häuser verlassen musste konnte oftmals keine Tiere mitnehmen. Soldaten und Freiwillige kümmern sich um sie, mit den begrenzten Mitteln die sie noch zur Verfügung haben. "Eine Katastrophe ohne Ende!", sagt Putzgruber gegenüber "Heute".

Interview im Bunker

Fliegeralarm. Helfer Denis hat gerade Kaffee serviert. Er zeigt den Helfern aus Österreich eine Ehrentafel, gespickt mit Auszeichnungen und Dankesschreiben von Soldaten an das Eulennest, das die Kämpfer an der Front versorgt. "Hier, in den Bunkern der Koordinationsstelle fühlen wir uns sicher, daran können selbst Sirenen nichts ändern", sagt Putzgruber, der in Uzghorod auch noch ein Radiointerview für die Radiofabrik – ein freies Radio in Salzburg – aufnimmt, bevor es weitergeht.

Eine feste Umarmung an Freund Denis, der "Eulennest"-Shirts dabei hat. Vor dem Abschied holt Denis plötzlich eine Kanüle mit passender Nadel aus den Vorräten und erledigt den Stich gleich selbst – trotz aller Kriegswirren helfen Menschen einander wo sie können: "Fühlbare Entspannung vom Bandscheibenproblem", notiert Putzgruber später.

Einmal Ungarn und zurück

Auf ein Handy der Österreicher hat Denis noch offline-Karten geladen, die ihnen helfen sollen ohne mobile Daten zum nächsten Zielort und Schlafplatz nach Mukatshewa zu fahren. Das gelingt ihnen auch. Am nächsten Tag sitzen sie mit müden Augen am Frühstückstisch. Der Plan ist ergeizig: Sie wollen zurück nach Ungarn fahren, um weitere Hilfsgüter und Tierfutter in die Ukraine zu bringen – dieses Mal für Irina in Uzghorod. Dazwischen liegen aber zwei Grenzübertritte.

An der Grenze zwischen Ungarn und der Ukraine.
zVg

Diese entwickelten sich tatsächlich zu einer Geduldsprobe mit stundenlangen Wartezeiten, zusätzlichen Kontrollen und Schikanen durch ungarische Behörden. Rund 250 Kilogramm Tierfutter aus Enikös Tierasyl, die für Irinas Hundeasyl in der Ukraine bestimmt sind, müssen an ihren Bestimmungsort gebracht werden. Die Hilfe ist bitter nötig: Irina, die mehr als 200 Hunde betreut und zusätzlich ein städtisches Tierheim mit rund 80 Tieren unterstützt, benötigt jetzt jede Unterstützung.

"Kurze Momente der Freude"

Zurück in der Ukraine müssen die Helfer aus Zeit- und Sicherheitsgründen ein weiteren Zwischenstopp in Kauf nehmen und schaffen es erst am nächsten Tag über die teils stark beschädigten Feldwege zu Irina. Auch dort bleibt wenig Zeit für Austausch: "Kurze Momente der Freude." Der Zustand der Straßen und Feldwege kann jederzeit zum lebensbedrohlichen Problem werden. Man wünscht sich zum Abschied alles Gute und hofft sich wieder zu sehen.

Putzgruber und Helferin Irina. Sie hoffen sich bald wieder zu sehen.
zVg

Die zweitägige Heimreise aus der Ukraine führt RespekTiere wieder über Budapest – eine Protestaktionen gegen den Krieg und Tierleid inklusive. Bis in die Abendstunden wird die zweite Etappe der Rückfahrt dauern: "Wie die Menschen in der Ukraine all das schaffen, kann man eigentlich gar nicht erahnen – noch weniger glauben", sagt Putzgruber zu "Heute".

Dann setzt er nach: "Diese Leute sind die wahren Heldinnen und Helden unserer Zeit … was für großartige Menschen. Es war wieder berührend ein paar Worte mit ihnen zu wechseln."

Straßenhunde streifen an den Bildern gefallener Soldaten vorbei. Überall in der Ukraine erinnert man an die unzähligen Opfer des russischen Angriffskriegs.
zVg

Trotz seiner Schmerzen und den emotionalen Eindrücken wirkt Putzgruber gelöst: "Es war unsere neunte Fahrt in das vom Krieg gezeichnete Land – und sie wird sicher nicht die letzte sein."

{title && {title} } agh, {title && {title} } 02.02.2026, 04:00
Jetzt E-Paper lesen