Lawinenunglücke sorgen derzeit für Aufregung in ganz Österreich – auch hierzulande sind Lawinenabgänge jederzeit möglich, wie der Vorfall kürzlich am Göller gezeigt hat, bei dem zwei Skitourengeher mit viel Glück einem Lawinenunglück entgangen sind.
Daher sind Vorbereitung, Prävention und Information der Öffentlichkeit über Lawinengefahren von größter Bedeutung für die alpinen Einsatzorganisationen.
Es ist 9.45 Uhr am letzten Freitag im Jänner, als bei Michael Stulik, dem Leiter der Bergrettung Lackenhof, die Einsatzalarmierung eingeht: "Lawinenabgang mit wahrscheinlicher Personenbeteiligung - Riffelsattel, Ötscher." Was in den Folgeminuten passiert, ist im Ernstfall nicht weniger als lebensentscheidend. "Ab diesem Zeitpunkt wird ein fein abgestimmtes und genau koordiniertes Einsatzprozedere in Gang gesetzt", sagt Stulik.
"Und da bei Lawineneinsätzen ein hoher Zeitdruck mit besonders vielen unbekannten Faktoren, wie Verschüttungstiefen, Verortung und technische Ausstattung vorherrscht, proben wir heute den Ernstfall mit unseren Partnern." Knapp 100 Einsatzkräfte der Bergrettungen Lackenhof, Lunz, Mitterbach und Mariazell, der Alpin- sowie Flugpolizei, des Notrufes NÖ und des Roten Kreuzes werden sich in den darauffolgenden Momenten am Ötscher unter der Leitung der Lackenhofer Bergrettern einfinden, um den Lawineneinsatz unter realistischen Bedingungen zu erproben und zu perfektionieren.
Doch wie kommt es eigentlich zu Lawineneinsätzen? "Göller, Ötscher, Schneeberg, Annaberg. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht zumindest ein großer Lawineneinsatz die alpinen Rettungsorganisationen in NÖ beschäftigt. Nicht selten mit Todesfolge", sagt der Landesleiter-Stellvertreter der Bergrettung NÖ/W Martin Angelmaier. "Was so gut wie alle Lawineneinsätze eint, ist die Fehleinschätzung, was die Gefahren von Lawinen anlangt."
Mit einer Abrisskante von rund 30 Zentimetern Höhe, einer Breite von 15 und einer Länge von 300 Metern erreichte das Schneebrett vom Göller im Jänner eine nicht zu unterschätzende Größe. "Viele erliegen aufgrund der sozialen Medien dem Trugschluss, dass sie sich selbst aus den Schneemassen befreien könnten. Vergleichbare Schneebretter erreichten ein Gewicht von 150 Tonnen und deutlich mehr, abhängig von der Schneeart. Hinzu kommt die Geländebeschaffenheit. Gerade in Niederösterreich, wo aufgrund der geringeren Höhen rascher Baumgrenzen sowie Mulden und Senken erreicht werden, enden Lawinenabgänge schnell tödlich. “Es ist wichtig zu erwähnen, dass unter solchen Schneemengen die Überlebenschancen drastisch sinken." Ausnahmen wie jene Lawineneinsätze am Annaberg 2022, bei denen ein Mann nach drei Stunden unter einer Lawine gerettet werden konnte, bestätigen die Regel.
Umso stärker will die Bergrettung die Themen Prävention und Information zurück in den öffentlichen Diskurs bringen. "Eigenverantwortung und Vorbereitung sind das beste Rüstzeug gegen die Todesgefahr Lawinen", sagt Angelmaier. Darauf weisen auch internationale Statistiken und alpine Rettungsorganisationen hin: Die Überlebenschance von Verschütteten sinkt nach den ersten 15 Minuten der Verschüttung gegen null. Der Grund hierfür liegt in der massiven Wucht und Dichte der Schneemassen (“hart wie Beton”), die schnell Luftzufuhr unterbinden. Ganz zu schweigen von den Traumata und der Unterkühlungsgefahr.
"Was tue ich im Falle einer Lawine mit und ohne Personenbeteiligung? Wie funktioniert die Kameradenrettung im Falle einer Lawine bzw. wie setze technische Hilfsmittel wie das LVS (Lawinenverschütteten-Suchgerät), Sonde, Lawinen-Airbag richtig ein? All diese Fragen muss ich als eigenverantwortliche Person beantworten können. Bevor ich meine Tour starte", so Angelmaier.
Alpine Vereine bieten regelmäßig sowohl Kurse zur Perfektion von Verhalten und Einsatz von technischen Hilfsmitteln bei Lawinenverschüttungen an. Im Falle eines Lawinenabganges mit Verschüttungsfolge sind bei Partnern von Verschütteten meist Aufregung und Adrenalinspiegel so hoch, dass viele die korrekten Abfolgen vom Prozedere vergessen. Das kann Leben kosten. Allein das konsequente Üben sorgt für mehr Sicherheit am Berg. Und last but not least: Das genaue Studieren des Lawinenlage- und des Wetterberichtes sind unabdinglich genauso wie die laufende Kontrolle im Gelände, ob Gefahrenzeichen zu erkennen sind, z.B. Schneewechten.
"Lawinen-Einsätze erfolgen seitens alpiner Einsatzorganisationen unerheblich der Größe von Lawinen und Schneebrettern und zwar immer dann wenn nicht mit voller Gewissheit die Verschüttung von Personen ausgeschlossen werden können", so Stefan Spielbichler, Pressesprecher von Notruf Niederösterreich. "Deshalb ist auch die Negativmeldung über den Alpinnotruf 140 unerlässlich, damit wir umgehend die Einsatzorganisationen wie die Bergrettung informieren können." Dabei soll im Falle des Lawinenabganges, auch wenn keine Personen verschüttet sind, ein Notruf getätigt werden, da sonst unnötigerweise die Rettungskette in Gang gesetzt wird.
Bergrettung: Die Landesorganisation NÖ/W ist eine der sieben rot-weiß-roten Landesorganisationen, die ehrenamtlich arbeiten und 24/7/365 für Personen, die im unwegsamen Gelände Hilfe benötigen, da sind.
Die erste Bergrettung weltweit wurde vor knapp 130 Jahren (1896) im niederösterreichischen Reichenau/Rax gegründet - von hier aus wurde das Modell Bergrettung in die ganze Welt exportiert.
Es gibt 29 Ortsstellen (kurz OS, oder Zentralen) in ganz NÖ. Die OS Wien ist verantwortlich für das Einsatzgebiet am westlichen Teil des Schneeberges. Die Landeszentrale befindet sich seit 2023 wieder im nö. St. Pölten, wobei der ehem. ÖAMTC Stützpunkt zukunftsfit gemacht und generalsaniert wurde.
Die Bergrettung NÖ/W hat knapp 1.400 ehrenamtliche Mitglieder und derzeit vier hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit knapp 800 Einsätzen pro Jahr verrichtet die Bergrettung hier mehr Einsätze als z.B. in Salzburg. Das hängt auch damit zusammen, dass die Bergretterinnen und Bergretter hier einen Teil der Pistendienste verrichten.
Bei Unfällen im alpinen Gelände übernimmt die Sozialversicherung keine Bergungskosten. Diese Kosten können unter Umständen sehr hoch sein (z.B. bei einem Such- oder Hubschraubereinsatz). Durch den Förderbeitrag von 36 Euro kann man eine Bergungskosten-Vorsorge abschließen und sich als Förderer bis 25.000 Euro auf Bergungskosten versichern lassen. Ein Teil des Förderbeitrages wird für die konstante Erneuerung des Bergematerials verwendet. Infos wofür der Förderbeitrag verwendet wird.
Andernfalls werden sofort die Bergrettung, die Bergrettungslawinenhundestaffel, die ÖAMTC Flugrettung, weitere Rettungsorganisationen sowie die Alpin- und Flugpolizei alarmiert. "Dementsprechend hoch sind auch die Ansprüche an Planung und Einsatztaktik. Lawinenereignisse bedürfen eines hohen Einsatzes von Personal, Zeit und Ressourcen. Der Grund hierfür liegt in der Natur von Lawinenabgängen, die oft sehr unübersichtlich über sehr weite Bereiche mit einem hohen Grad der Verschüttungsstreuung, unterschiedlichen Verschüttungstiefen sowie natürlichen Barrieren, wie Baumgruppen, Felsvorsprüngen, starken Hangneigungen oder Mulden und Senken ausgeprägt sind", sagt Michael Hochgerner, Leiter des Alpindienstes der Landespolizeidirektion NÖ.
Bei Lawineneinsätzen leisten neben den menschlichen Einsatzkräften vor allem auch die Lawinenhunde einen unschätzbaren Beitrag. "Der Grund hierfür liegt in ihrer außergewöhnlichen Spürnase, womit die Hunde große Flächen in kurzer Zeit absuchen können. Oft schneller und effektiver als technische Hilfsmittel allein", sagen Franz Eggl mit "Rango" und Julia Baier mit "Phenix", Lawinenhundestaffel. Dafür sind hunderte Millionen Riechzellen sowie die Atem- und Schnüffeltechnik der Vierbeiner verantwortlich.
Taktisch gesehen arbeiten Einsatzkräfte am Lawinenkegel sehr koordiniert einen Lawineneinsatz ab. Es gibt eine klare Befehlshierarchie, die vom Einsatzleiter-Team vor Ort angeführt wird. Vorstellen kann man sich das wie bei einem Stationsbetrieb, bei dem jede Einsatzgruppe zielgerichtet ihr Einsatzziel abarbeitet. "Dort wo die Landesgebiete enden, beginnt für uns in der Bergrettung Steiermark und im Speziellen in den Grenzregionen die Zusammenarbeit. Daher ein großer Dank an unsere Kameradinnen und Kameraden aus NÖ für die hervorragende Zusammenarbeit", sagt Stefan Schröck, Landesleiter der Bergrettung Steiermark.
Die heutige Übung zeige eindrucksvoll, "wie entscheidend abgestimmte Abläufe, klare Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen im Einsatzfall sind", sagt Bezirksstellenleiter Martin Ressl, Rotes Kreuz Scheibbs. "Für das Rote Kreuz Niederösterreich steht dabei die Qualität der medizinischen Versorgung an oberster Stelle. Regelmäßige gemeinsame Übungen sind unerlässlich, um diese hohe Versorgungsqualität auch unter extremen Bedingungen sicherzustellen. Ein zentraler Faktor im Katastrophenfall ist zudem, dass innerhalb kürzester Zeit ausreichend viele gut ausgebildete Rotkreuz-Sanitäter:innen vor Ort sind, um helfen zu können. Das Rote Kreuz setzt hier auf das Zusammenwirken von freiwilligen und hauptberuflichen Mitarbeiter:innen."
Im Falle von Lawineneinsätzen werden neben den Einsatzorganisationen auch die Partner der lokalen Tourismusbetriebe wie Liftbetreiber zu wichtigen Unterstützern, sagt Veronika Nutz von den Ötscherliften: "Die Bergrettung leistet einen wichtigen Beitrag zum Tourismus in Niederösterreich und dafür sagen wir danke, aber nicht nur mit Worten, sondern auch mit tatkräftiger Unterstützung. Gerade im Einsatzfall steht die gesamte Infrastruktur den Einsatzkräften zur Verfügung."
Die Bergrettung arbeitet eng mit Alpin- und Flugpolizei (BMI) sowie ihren Partnern der ÖAMTC Flugrettung und der Sicherheitsfamilie NÖ zusammen. Dieses Zusammenspiel funktioniert auf Zuruf und basiert auf großem Vertrauen untereinander, wenn man an Einsätze wie zB. den größten Waldbrand Österreichs 2021 am Reichenauer Mittagstein denkt.
Die Ausbildung zum/zur Bergretter/in dauert in der Regel 2-3 Jahre, wobei spezielle Grundfertigkeiten sowie Kondition mitzubringen sind (Bewegen im unwegsamen Gelände, Klettern, Skifahren,...). Die Ausbildung umfasst Spezialwissen rund um Technik und Alpinmedizin sowie Erste Hilfe und schlägt sich mit Kosten in der Höhe von rund 14.000 Euro je Bergretter/in zu Buche - das ist das Kostenäquivalent für eine privat absolvierte Ausbildung.
Es gibt eine Vielzahl an weiterführenden Spezialisten bei der Bergrettung (Bergrettungs-Hundeführer, Canyoning-Gruppen, Lawinen-Spezialisten,...) sowie Spezialfahrzeuge (vom Geländefahrzeug bis hin zum Quad). Über Helikopter verfügt die Bergrettung in NÖ/W nicht. Luftunterstützung, die nur bei entsprechenden Wetterbedingungen erfolgen kann, wird durch die Flugpolizei und die ÖAMTC Flugrettung geleistet
Alpineinsätze werden von Notruf Niederösterreich über den Notruf 140 entgegengenommen und dann den Einsatzteams der Bergrettung und der Alpinpolizei übertragen. In Abhängigkeit des Vorfalls werden über die gemeinsam abgestimmte Alarm- und Ausrückordnung die notwendigen Einsatzteams alarmiert und unterstützt. Kosten für Bergrettungseinsätze können je nach Rettungsmittel, Personalaufwand und Dauer zwischen wenigen hundert bis hin zu mehreren tausend Euro kosten.
Die sieben Sicherheitstipps der Österreichischen Bergrettung sollen dazu beitragen, Einsätze im Vorhinein zu verhindern. Dass rund ein Drittel aller Bergrettungseinsätze Unverletzten-Rettungen sind, zeigt, dass viele Einsätze vermieden werden könnten, wenn Tourenplanung, Ausrüstung und Verpflegung sorgsam geplant würden. Daher unsere https://bergrettung-nw.at/tipps/