Eigentlich ist Doktor Michael Krötlinger längst in Pension. Seit 1971 hatte er in Traisen ordiniert, 2006 verabschiedete sich der Allgemeinmediziner nach einer langen Karriere aus dem Berufsleben. Jetzt, 20 Jahre später, steht der 85-Jährige wieder in seiner Ordination in Traisen (Bezirk Lilienfeld).
Der Grund für das ungewöhnliche Comeback: Es fehlt schlichtweg ein Nachfolger. Nach Krötlingers Pensionierung ordinierte Herbert Haschkovitz – bis dieser selbst im Frühjahr in Pension ging. Seither steht die Ordination in der Ebnerstraße 30 leer, berichtet die "NÖN". Die Österreichische Gesundheitskasse hatte die Planstelle erstmals am 15. April 2025 ausgeschrieben, heißt es. Bisher konnte sie aber nicht besetzt werden.
"Wir finden leider keinen Nachfolger für einen Kassenarzt", erzählt der 85-Jährige im "Heute"-Gespräch. Die Situation entbehrt für ihn nicht einer gewissen Ironie. "Ich bin 2006 in Pension gegangen, heuer im Frühjahr ist mein Nachfolger in Pension gegangen. Jetzt bin ich der Nachfolger von meinem Nachfolger."
Als Wahlarzt bietet er nun unter anderem Allgemeinmedizin, Akupunktur, Ernährungsmedizin, Diabetikerbetreuung und Vorsorgemedizin an.
Mit einem Kassenvertrag könne er aufgrund seines Alters nicht mehr arbeiten, deshalb ordiniert Krötlinger nun als Wahlarzt. Ums Geld gehe es ihm aber nicht, betont er: "Ich arbeite für das Allgemeinwohl."
Seine Ordination hätte einem neuen Arzt einiges zu bieten. "Das sind 150 Quadratmeter mit EKG und Ultraschallgerät, das ist praktisch ein gemachtes Nest", erklärt er. Krötlinger wäre froh, wenn sich jemand findet, der die Praxis übernimmt und ihn als Arzt wieder ablöst.
Wie lange der 85-Jährige so ordinieren will? "Ich arbeite entweder so lange, bis sich ein Nachfolger findet. Oder bis zu meinem Ableben."
Die ÖGK führe Gespräche mit potenziellen Vertragspartnern aus der Umgebung, schreibt die "NÖN". Weitere Schritte sollen bei einem Stellenplangespräch mit der Ärztekammer für Niederösterreich Ende September besprochen werden.
Krötlinger sieht hinter der schwierigen Arztsuche ein größeres gesundheitspolitisches Problem. Vor allem unnötige Spitalsbesuche würden Ressourcen im Gesundheitssystem blockieren. "Es gibt so viele Bagatellfälle, wo Leute nach den Ordinationszeiten vom Arzt um 22 Uhr ins Spital fahren, weil sie seit drei Tagen Bauchweh haben", ärgert er sich im "Heute"-Gespräch. Die Spitäler dürften diese Patienten aber nicht einfach abweisen und teuer behandeln, wozu es zu Überlastungen kommen würde.
Der Vorschlag des Arztes ist durchaus brisant: "Ich glaube, wenn man im Spital 50 Euro verlangen würde, dann würde man auch die Bagatellfälle reduzieren und das Gesundheitssystem stark entlasten!"