Besonders hart traf es die Aktien von Unternehmen aus dem Bereich Künstliche Intelligenz – allein Nvidia verlor fast eine halbe Billion Dollar. Was steckt dahinter? Matthias Geissbühler, Anlagechef bei Raiffeisen Schweiz, ordnet für Anlegerinnen und Anleger die aktuelle Lage und die möglichen Folgen ein. Wie 20 Minuten berichtet, ist das Ausmaß der Verluste enorm – und viele fragen sich nun, wie es weitergeht.
Geissbühler erklärt gegenüber dem Medium: "Wir sehen eine Korrektur an den Börsen. Auf Indexebene fällt diese bislang noch moderat aus, viele Aktienindizes notieren seit Jahresbeginn weiterhin deutlich im Plus. Im Technologiesektor kam es zuletzt jedoch zu markanten Gewinnmitnahmen. Seit Ende Juni haben Halbleiteraktien, der technologiegetriebene südkoreanische Aktienmarkt sowie zahlreiche KI-Aktien zwischen 30 und 60 Prozent an Wert verloren. Die KI-Blase ist damit zumindest teilweise bereits geplatzt."
Als Auslöser für den Kursrutsch nennt Geissbühler die US-Wahlen: "Ein Auslöser waren die US-Wahlen. Die Märkte beginnen, die politischen Folgen der Midterms einzupreisen. Mit dem Wahlsieg der Demokraten steigen die Erwartungen an eine strengere Regulierung im Technologiesektor und insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Auch der Ausbau von Rechenzentren dürfte deutlich gebremst werden. Gleichzeitig war kaum ein Segment zuvor derart überlaufen: Privatanleger, Hedge Funds und Fondsmanager waren stark in KI- und Halbleiteraktien investiert. Nun werden Positionen abgebaut und gehebelte Wetten aufgelöst, was die Kursverluste zusätzlich beschleunigt."
Auch der Bitcoin-Kurs ging zuletzt steil bergab. Geissbühler dazu: "Der Bitcoin weist seit längerer Zeit eine hohe positive Korrelation zu Technologieaktien auf und gilt zudem als spekulative Anlage. Entsprechend überrascht es nicht, dass auch Bitcoin im aktuellen Marktumfeld deutlich unter Druck geraten ist. Belastend wirkt zusätzlich das Thema Regulierung: Die Demokraten gelten als deutlich weniger kryptofreundlich als die Trump-Administration. Für den Kryptomarkt bedeutet dies mittelfristig zusätzlichen Gegenwind."
Wie lange geht das noch so weiter? "Kurzfristig ist die Börse überverkauft und eine Gegenreaktion ist wahrscheinlich. Für ein nachhaltiges Tief fehlen jedoch noch typische Anzeichen einer Kapitulation. Die Korrektur dürfte deshalb mittelfristig noch nicht beendet sein."
Besonders hart getroffen hat es laut Geissbühler vor allem Unternehmen aus dem KI-Umfeld, die bis vor kurzem noch zu den großen Gewinnern zählten. Schweizer Aktien seien aber weniger stark betroffen, weil Technologieaktien im Schweizer Markt eine kleinere Rolle spielen. "Stattdessen profitiert der SMI von der laufenden Sektorrotation weg von Techwerten hin zu defensiven Branchen wie Gesundheit und Basiskonsumgütern."
Solltest du jetzt verkaufen, nachkaufen oder lieber abwarten? "Wir haben bereits seit längerer Zeit vor Überhitzungstendenzen bei KI-Aktien gewarnt und zu Gewinnmitnahmen geraten. Zum jetzigen Zeitpunkt würden wir die aktuelle Schwäche noch nicht für Zukäufe bei Technologiewerten nutzen. Chancen sehen wir derzeit eher bei defensiven Qualitätsaktien aus dem Gesundheits- und Basiskonsumgütersektor. Unabhängig davon bleibt eine breite Diversifikation zentral. Einseitige Wetten auf wenige Titel oder einen einzelnen Sektor können sich im Portfoliokontext schnell als schmerzhafte Klumpenrisiken erweisen."