Cyberangriffe auf Kühlanlagen sorgen in Europa für Alarm. Auch Österreich könnte betroffen sein – IT-Experte Markus Roth, Obmann der Bundessparte Information und Consulting in der Wirtschaftskammer (WKÖ), warnt vor unentdeckten Sicherheitslücken und weiteren Attacken.
Bisher sind in Österreich keine vergleichbaren Fälle bekannt. Das bedeutet laut Roth allerdings nicht, dass alle Systeme sicher sind. "Die Gefahr ist in Österreich vorhanden", so Roth gegenüber "Heute". "Hack-Angriffe können noch kommen."
Große Supermarktketten hätten zwar bereits Schutzmaßnahmen ergriffen und Sicherheitsupdates durchgeführt. Dennoch gebe es weiterhin Schwachstellen. Ein Problem: Viele technische Anlagen lassen sich nicht kurzfristig austauschen. Eine umfassende Modernisierung ist zudem mit hohen Kosten verbunden.
Wie gefährlich solche Angriffe werden können, zeigen die jüngsten Vorfälle in Europa. Im Oktober waren Hunderte Supermärkte in Frankreich betroffen. Anfang November wurden auch aus weiteren europäischen Ländern manipulierte Kühlanlagen gemeldet. Die Angreifer veränderten dabei die eingestellten Temperaturen auf bis zu 50 Grad Celsius. Wer hinter den Attacken steckt und ob die einzelnen Fälle miteinander zusammenhängen, ist bislang ungeklärt.
Die Angriffe beschränken sich nicht nur auf den Lebensmittelhandel. In Frankreich wurden auch Einrichtungen des nationalen Blutspendedienstes zum Ziel. Über einen Cyberangriff auf einen Kältetechnik-Dienstleister wurden die Temperatur- und Abtaugrenzwerte von Kühlkammern auf extrem hohe Werte gesetzt.
In diesen Anlagen lagern Plasmabeutel, die für Transfusionen und zur Herstellung von Medikamenten benötigt werden. Der Vorfall wurde rechtzeitig entdeckt, Mitarbeiter brachten die Blutprodukte in andere Lagerräume.
Roth geht davon aus, dass hinter den Angriffen keine kleine Hackergruppe steckt. "Es handelt sich um eine größere und gut organisierte Tätergruppe, die sich genau abstimmt, wo und wann zugeschlagen wird, wie man den größten Schaden anrichtet und die meiste mediale Aufmerksamkeit bekommt", erklärt der IT-Experte.
Auch eine staatlich organisierte Gruppe, die gezielt kritische Infrastruktur angreift, hält Roth für möglich. Erpresserschreiben oder finanzielle Forderungen gibt es bisher nicht.
Es sei sogar möglich, dass Angreifer bereits in heimische Netzwerke eingedrungen sind, ohne bisher entdeckt worden zu sein. "Hackerangriffe verlaufen immer gleich", erklärt Roth. Cyberkriminelle würden oft versuchen, über längere Zeit unbemerkt in fremden Netzwerken zu bleiben, "um weiter die Lücken auszunutzen". Nur so könne man den Schaden maximieren.
Ein Angriff könne deshalb erst zu einem späteren Zeitpunkt sichtbar werden. Mit einem Rückgang der Bedrohung rechnet der WKÖ-Vertreter nicht. "Dass die Attacken weniger werden ist gleich null", warnt Roth.
Der Experte fordert Unternehmen auf, ihre IT-Sicherheit zu überprüfen und mögliche offene Lücken rechtzeitig zu schließen. Dazu empfiehlt er regelmäßige Sicherheitsupdates, Schulungen für Mitarbeiter und die Unterstützung durch externe Fachleute. Denn "wenn ein Experte eine Schwachstelle schnell findet, dann auch die Hacker", erklärt Roth.
Die Gefahr betrifft nicht nur Kühlanlagen. Grundsätzlich kann jedes Gerät und jede technische Schnittstelle, die mit dem Internet verbunden ist, zum Angriffsziel werden.
Zusätzlich könnte der Einsatz künstlicher Intelligenz künftige Cyberattacken noch komplexer machen. Deshalb seien auch kleinere Unternehmen gefordert, ihre Systeme besser abzusichern.