"Bin mir der Probleme bewusst"

Erzbischof: "Kopftuchverbot ist der falsche Weg"

Wiens Erzbischof Grünwidl äußerte sich nun erstmals zu Kopftuchverbot, Sterbehilfe und Familiennachzug. Er sieht die Pläne der Regierung skeptisch.
01.11.2026, 16:28
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Es fehle eine "Dimension der Hoffnung", attestierte Wiens neuer Erzbischof Josef Grünwidl (63) unserer Gesellschaft zu Allerheiligen – für den Geistlichen "ein Hoffnungsfest". In einem bemerkenswerten Ö1-Interview mit Star-Moderator Tarek Leitner äußerte er sich erstmals auch politisch (etwa zu Kopftuchverbot, Sterbehilfe, Familiennachzug). Grünwidl über:

Herausfordernde Zeit

"Ich sehe es als Hauptaufgabe der Kirche, den Menschen Mut zu machen und Hoffnung zu schenken."

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Kriege

"Kein gewalttätiges Einschreiten bringt den Frieden!"

Kardinals-Würde

"Nein, davon gehe ich nicht aus", sagte er auf die Frage, ob er wie seine Amtsvorgänger nach rund zwei Jahren ins Kardinalskollegium aufgenommen werden wird. Grünwidl im ORF: "Ich gehe davon aus, dass Papst Leo den Kurs weiterführen wird, den Papst Franziskus eingeschlagen hat. Die Kurie ist noch immer europäisch dominiert, das entspricht nicht der Weltkirche." Er habe "noch kein anderes Signal", so Grünwidl. "Ich halte das für vernünftig. Die Weltkirche war über Jahrhunderte europäisch dominiert und wird jetzt immer mehr Weltkirche, das muss sich auch im Kardinalskollegium widerspiegeln."

Frauenpriestertum

"Die Weihe der Frau würde ich mir wünschen, ich sehe auf weltkirchlicher Ebene derzeit aber keine realistische Möglichkeit, dass eine Entscheidung in diesem Sinn fallen wird."

Weniger Christen, mehr Muslime

"Ich sehe einen Wandel der Kirchengestalt. Wir werden von einer 'Staatskirche' – in Österreich war man katholisch – zu einer Kirche, die eine persönliche Entscheidung erfordert, sich taufen zu lassen. Sehe ich als Vorteil. Dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft mit 16 anerkannten Religionsgemeinschaften leben, ist eine Realität."

Brennpunkte

"Ich bin mir bewusst, dass es in Wien Schulen, Gegenden und Bezirke gibt, wo es Probleme gibt – im Zusammenleben auch mit Migranten und Muslimen. Aber es geht immer nur über den Bildungsweg und den Dialog. Wir wollen ja, dass die Menschen, die hier wohnen, österreichische Staatsbürger werden, sich ernst genommen fühlen."

Auf die Frage, ob sie Christen werden sollten

"Es steht jedem frei, welche Religionsgemeinschaft er hat. Es muss gelingen, dass wir bei Menschen, die bei uns leben – auch mit anderem religiösen Bekenntnis – das Gemeinsame in den Mittelpunkt stellen."

„Ein grundsätzliches, generelles Kopftuchverbot ist der falsche Weg.“
Josef Grünwidl Wiener Erzbischof
Grünwidl in der Barbarakapelle des Stephansdoms
Helmut Graf

Zuspitzung in der Debatte

"Die Mitte bröckelt. Und die Konsensfähigkeit. Es gibt faule Kompromisse, aber auch gute Kompromisse."

Kinder-Kopftuchverbot

"Ein grundsätzliches, generelles Verbot ist der falsche Weg, weil es in die freie Religionsausübung eingreift."

Stopp des Familiennachzugs

Von einst 6.000 wurde die Möglichkeit für Migranten, Anverwandte nach Österreich "nachzuholen", auf 300 beschränkt. Nicht zur Freude des Wiener Geistlichen: "Ich glaube nicht, dass das Integration fördert. Es ist eine Tatsache, dass Familien leichter zu integrieren sind als Einzelpersonen. Das Recht auf Familienleben ist ein Menschenrecht. Ich sehe das sehr skeptisch und als Versuch der Politik, im Problembereich Migration einen weiteren Baustein zur Lösungsfindung zu liefern, aber ich glaube nicht, dass das funktioniert und Integration besser gelingen kann, wenn man Familien zerreißt."

Assistierten Suizid

"Einen Menschen, der nicht mehr leben will, würde ich fragen: Was müsste sich ändern, dass du weiterleben willst?" Grünwidl zitierte die Haltung von Kardinal König, der es vorzog, dass "Menschen, an der Hand eines Menschen sterben – und nicht durch die Hand". Der Erzbischof: "Eine Gesellschaft muss sich auch daran messen lassen, wie wir mit Kranken und Sterbenden umgehen."

Freie Entscheidung

"Letztlich müssen wir eine Entscheidung des Gewissens respektieren. Wenn ein Mensch – trotz aller Hilfsangebote, die wir geben können – zu dem Entschluss kommt, ich setze den Schritt des assistierten Suizids, dann ist diese Entscheidung zu respektieren. Mich macht es traurig, wenn es so weit kommt."

Angst vor dem Tod

"Ich sehe den Tod wie ein dunkles Tor, durch das ich muss und dann werde ich im Licht, bei Gott sein. Angst habe ich eher vor dem Sterben. Jahrelange Krankheit besorgt mich schon, doch da vertraue ich darauf, dass die Medizin heute Möglichkeiten hat, Kranke und Sterbende zu begleiten."

coi, Akt. 01.11.2026, 16:31, 01.11.2026, 16:28