Am 1. November will Christian Wehrschütz (65) dort aufwachen, wo er sich besonders wohlfühlt: auf der steirischen Teichalm, neben seiner Frau Sissy. Keine Live-Einstiege, keine Termine an der Front und vor allem keine Angst vor Raketen oder Drohnen. Nach 27 Jahren als ORF-Auslandskorrespondent endet für den bekannten Kriegsreporter am 31. Oktober ein prägender Lebensabschnitt.
Im Gespräch mit Conny Bischofberger für die "Kronen Zeitung" spricht Wehrschütz über seinen Abschied aus der Ukraine, seine Familie und seine Pläne für die Pension. Dabei wird klar: Ruhig dürfte es um den 65-Jährigen auch künftig nicht werden.
Noch einmal geht es für Wehrschütz am Dienstag für fünf Tage in die Ukraine. Dort wartet auch der Abschied von seinem langjährigen Arbeitsplatz in Kiew. Sein Büro diente ihm gleichzeitig als Wohnung. Einen Großteil seiner persönlichen Sachen hat er bereits nach Österreich gebracht, den Rest soll eine Spedition übernehmen.
"Ich werde in Kiew noch einmal durch das Apartment gehen und Adieu sagen, den Schlüssel übergeben, einen Blick zurückwerfen und sagen: Danke für die Jahre, danke für all die Zeit!", erklärt Wehrschütz im Gespräch mit der "Krone".
Besonders dankbar sei er dafür, die vielen Jahre in Krisen- und Kriegsgebieten überstanden zu haben. Zurück nach Österreich bringt ihn sein langjähriger Weggefährte Igor, der für ihn als Produzent und Fahrer tätig war.
26 Jahre berichtete Wehrschütz vom Balkan, fast 13 Jahre war er auch in der Ukraine tätig. Beide Korrespondentenbüros baute er selbst auf. Der Abschied fällt ihm deshalb nicht leicht. Seine Arbeit als Kriegsreporter will er dennoch beenden. Eine freie Tätigkeit für den ORF schließt er aus.
Ganz aus der Öffentlichkeit verschwinden möchte er aber nicht. "Ich gehe zwar beim ORF in Pension, aber ich gehe in kein Kloster mit einem Schweigegelübde", sagt der Grazer gegenüber der Tageszeitung.
An Angeboten für weitere mediale Tätigkeiten fehle es nicht, erzählt Wehrschütz. Außerdem kündigt er für den 31. Oktober eine Überraschung auf seinen sozialen Netzwerken an. Was genau geplant ist, verrät er noch nicht.
Nach Jahrzehnten, in denen Wehrschütz nach eigenen Angaben rund 80 Prozent seiner Zeit unterwegs war, soll nun seine Familie stärker im Mittelpunkt stehen. Mit seiner Frau Sissy ist er seit fast 40 Jahren verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Töchter und ein Enkelkind.
Auf der Teichalm möchte sich Wehrschütz künftig verstärkt um Haus und Garten kümmern, wandern und seine Grundausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr Fladnitz an der Teichalm absolvieren.
Seine Frau macht im "Krone"-Interview allerdings deutlich, dass der neue Alltag keineswegs nur aus Freizeit bestehen wird: "Trotzdem ist er bis Oktober 2027 schon wieder vollkommen ausgebucht! Er wird als kultureller Reisebegleiter sechs Balkanreisen für ein großes Reisebüro machen!"
Auch dem Österreichischen Bundesheer bleibt Wehrschütz verbunden. Der Oberstleutnant der Miliz will dort nach seiner ORF-Pension weiterhin aktiv sein.
Im Interview äußert sich der erfahrene Kriegsreporter auch zur Frage, wie lange der Krieg in der Ukraine noch dauern könnte. Dass er erst mit 70 Jahren dessen Ende erleben werde, glaubt Wehrschütz nicht.
"Davon gehe ich nicht aus. Noch fünf Jahre! Dazu reichen weder die Ressourcen Russlands noch das Geld der EU oder der Durchhaltewille der Ukrainer", erklärt Wehrschütz im "Krone"-Interview mit Bischofberger.
Es handelt sich dabei um seine persönliche Einschätzung zur weiteren Entwicklung des Krieges. Seine Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten verarbeitet Wehrschütz auch in seinem neuen Buch "Heimkehr".
Darin beschäftigt er sich unter anderem mit den Folgen bewaffneter Konflikte für die Zivilbevölkerung, den Interessen von Kriegsgewinnlern und den technischen Entwicklungen, die durch Kriege vorangetrieben werden.
Mit 65 Jahren beschäftigt sich Wehrschütz auch mit dem Älterwerden und der eigenen Vergänglichkeit. Angst vor dem Tod habe er nicht, erklärt er im Interview. Er hoffe allerdings, noch viele gesunde Jahre gemeinsam mit seiner Frau verbringen zu können.
Sein neuer Lebensabschnitt soll vor allem mehr Zeit für die Menschen bringen, die während seiner beruflichen Laufbahn häufig auf ihn verzichten mussten.
Besonders wichtig ist ihm dabei, wie ihn seine Familie eines Tages in Erinnerung behalten wird: "Er war ein ausgezeichneter Vater, ein super, super Opa, und nebenbei war er auch noch ein sehr guter Journalist, von dem wir auch so manches fürs Leben gelernt haben", wird Wehrschütz in der "Krone" zitiert.
Für Wehrschütz endet damit eine jahrzehntelange Karriere beim ORF. Seine Reisepläne, seine Tätigkeit beim Bundesheer und mögliche neue Medienauftritte zeigen aber schon jetzt: Auch in der Pension hat der 65-Jährige noch einiges vor.